Film-Kritik: Red Eye: Eiskalter Nachtflug

Film-Kritik : Red Eye: Eiskalter Nachtflug

Beklemmung fühlen mitunter auch Vielflieger beim Betreten eines Flugzeuges. Neue Gründe für Flugangst liefert Horror-Veteran Wes Craven mit seinem am 8. September anlaufenden Psychothriller "Red Eye". Er lenkt den Blick auf eine bisher unterschätzte Gefahr: den Sitznachbarn. So ist Lisas Nachbar kein unterhaltsamer Flirt sondern ein bösartiger Erpresser. Doch die junge Frau ist auch nicht ohne.

Dabei sitzt Lisa in der Falle, kaum dass sie sich angeschnallt hat: Die tüchtige Hotelmanagerin soll auf Geheiß ihres Nachbarn mit dem sprechenden Namen Jack Rippner per Bordtelefon die Zimmerreservierung eines Politikers ändern. Andernfalls würde ihr Vater sterben, der, zuhause auf sie wartend, bereits von einem Killer belauert wird. Dass der Politiker bei einem Zimmerwechsel einem Raketenattentat zum Opfer fiele, ist ebenso klar. Und obwohl einem auf Anhieb effektivere Mordpläne einfallen, gewinnt das abstruse Szenario durch ökonomischen und präzisen Einsatz an Zeit - ein kurzer Nachtflug - und Raum - zwei Sitze - maximale Spannung.

Statt auf hysterisches Frauengeschrei setzt Regisseur Craven, der sich mit seiner "Scream"-Trilogie als Platzhirsch des Horrorgenres etablierte, auf eiskalte Beherrschung und opfert im weitgehenden Verzicht auf blutige Metzeleien ein weiteres Markenzeichen. Mit einer von Hitchcock inspirierten lässigen Eleganz schafft er eine Atmosphäre latenter, sacht anschwellender Bedrohung, als Lisa und der Killer sich inmitten alltäglicher Flughafenhektik kennenlernen - und nett finden. Als der Flieger in der Luft ist und Rippner ihr im Plauderton die wahre Sachlage erklärt, beginnt ein von der Umgebung unbemerktes Katz- und Mausspiel.

Verwirrspiel à la Alfred Hitchcock

Und die Maus erweist sich als unerwartet widerstandsfähig, obwohl in diesem klammheimlichen Duell nur der Einsatz eines geklauten Kugelschreibers, den Fluggesellschaften in Zukunft mit Teppichmessern und Nagelscheren auf die schwarze Liste setzen sollten, wirklich originell ist. Die Rollen harmloser Mitreisender sind dagegen schnell erahnt - dass die altbekannten Rezepte den Zuschauer dennoch in Atem halten, liegt ebenso an der verschlankten Inszenierung wie an den Darstellern. Cillian Murphy, der zuletzt als psychopathische Vogelscheuche in "Batman Begins" sein Unwesen trieb, sorgt als lakonisch-charmanter Unhold mit puppenhaft veilchenblauen Augen für Gänsehaut und erotische Unterströmung.

Und Rachel McAdams, bisher vor allem in Teenie-Filmen zu sehen, wird zu Recht als kommender Star gehandelt: hinter Lisas Fassade mit dem angeschraubten Lächeln lädt sich eine seit einem traumatischen Erlebnis schlummernde Angst-Wut auf - die sich plötzlich, schockierend für den Zuschauer wie für Mr. Rippner, Bahn bricht. Letztlich kriegt er so kräftig eins auf die Mütze, dass sich der klaustrophobische Thriller als weibliche Rachefantasie an einem Vergewaltiger interpretieren lässt. Und da das Ziel des Attentats ein Staatssekretär für Heimatschutz ist, stehen Lisas Ohnmachtsgefühle auch für ein von Terroristen traumatisiertes Land.

Cravens stromlinienförmiges, ironisches Kammerspiel hat aber zwei Haken: Das Haudrauf-Happy-End auf festem Boden gerät im Vergleich zum Rest fast zur Karikatur. Und den Titel "Red Eye", ein flapsiger Ausdruck für Spätflüge mit rotäugig-unausgeschlafenen Passagieren, wird keiner verstehen.

(ap)