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Kino-Kritik: Pop vom Snob: Film über Falco

Kino-Kritik : Pop vom Snob: Film über Falco

Düsseldorf (RP). Jeder weiß es, niemand redet offen darüber: Die Darsteller eines Films sind nur in den seltensten Fällen die erste Wahl. Bevor die Kamera läuft, gibt es ein aufwändiges, aber stets diskretes Casting. Wozu die Geheimnistuerei? Dem Ruf von Robert Stadlober hat es jedenfalls nicht geschadet, dass er aus dem Falco-Projekt ausgestiegen ist.

Im Dezember 2006 war er für diese Rolle im Gespräch, um nach intensiven Proben aufzugeben. Eine weise Entscheidung, die Respekt verdient. Talent allein genügt nicht: Um eine Legende wie Falco glaubhaft zu verkörpern, muss man dem Vorbild ein bisschen ähneln. Marion Cotillard zum Beispiel, viel zu groß und schön für die Rolle der Edith Piaf, hatte immerhin deren Augen. Stadlober hat nichts von Falco. Er hätte sich mit der Rolle nur gequält.

Der ideale Interpret befand sich längst im Ensemble, nur hatte man ihm eine Nebenrolle zugewiesen. Der 29-jährige Manuel Rubey ähnelt dem Original verblüffend. Hinzu kommt, dass er dessen gegensätzliche Talente teilt: Rubey ist ein erfahrener Shakespeare-Darsteller und zugleich Frontmann der Band Mondscheiner. Dank dieser Seelenverwandtschaft hat man nie das Gefühl, er müsse sich verstellen. Sogar in den minutiös rekonstruierten Konzertszenen wirkt er authentisch.

Eigentlich ist "Falco — verdammt, wir leben noch!" ein konventionelles Biopic im Stil von "Ray", "Walk the Line" und dem Piaf-Film. Regisseur Thomas Roth hat den Künstler noch persönlich erlebt, und es bereitet ihm sichtlich Freude, vergangene Epochen lebendig werden zu lassen. 70 Falco-Kostüme sind detailversessen nachgeschneidert worden. Man bekommt eine Ahnung von dem kreativen Prozess, an dessen Ende ein Millionenhit steht. Und so wie sich Falco wiederholt um einen Imagewechsel bemüht hat, inszeniert Roth die Stadien seiner Karriere in verschiedenen Stilrichtungen: bieder-brav die Jugendjahre, im wilden MTV-Stil die Zeit als Superstar.

Künstlerbiographien erliegen oft der Gefahr der Trivial-Psychologie. Was treibt einen Künstler an? Warum bleibt er trotz seiner Erfolge unglücklich? Bevor er sich Falco nennt, wächst Hans Hölzel in einem kleinbürgerlichen Elternhaus auf. Der Vater geht fremd, die Mutter ist ein Drachen. Ein Erweckungserlebnis ist der Mozart- Film mit Oskar Werner: Hans besorgt sich eine Schallplatte, um die Diktion des Burgtheaters-Idols zu verinnerlichen. Wie es der Zufall will, hat Manuel Rubey selbst den Mozart auf der Bühne gespielt.

Falco liebte die Sprache, und wenn er maniriert klang, dann geschah das bewusst. Seine Selbstironie ist unverkennbar, wenn er sich als "Grrrenzgänger zwischen den Kultuuuren" bezeichnet. Seine snobistischen Ausfälle wirken fast sympathisch angesichts ihrer radikalen Ehrlichkeit. Dieser Mann buhlt nicht um Anerkennung. Er braucht Liebe, aber er will sie nicht um jeden Preis. Seine Freunde benötigen starke Nerven. Besonders geduldig ist sein Manager Horst Bork, unerwartet eindrucksvoll verkörpert von Christian Tramitz.

Falcos Interesse am weiblichen Geschlecht ist vor allem sexueller Natur. Er bevorzugt Frauen, die schnell zu haben sind. Doch erwartet er dann doch echtes Gefühl und wird bitter enttäuscht. Seine Kurzzeit-Ehefrau Jacqueline (Patricia Aulitzky) ist auf den ersten Blick ein Flittchen, eine Promi-Jägerin, die Falco sogar ein Kind unterschiebt. Im Verlauf heftiger Auseinandersetzungen gewinnt diese Figur charakterlich an Format. Thomas Roth verzichtet auf Schuldzuweisungen und eine Moral von der Geschichte. Falco war ein außergewöhnlicher Mann mit ganz gewöhnlichen seelischen Problemen. Manches Geheimnis hat er mit ins Grab genommen.