Film-Kritik: Paradise Now: Töten in Tel Aviv

Film-Kritik : Paradise Now: Töten in Tel Aviv

Sie sind "die Auserwählten", in Anzug und Krawatte, die Bärte brav abrasiert. Sie sehen aus wie Geschäftsleute, mitten in Tel Aviv. Und doch lassen sie im wahrsten Sinne des Wortes die Bombe platzen. Möglichst viele Israelis sollen sterben, so das Ziel. In "Paradise Now" zeichnet Regisseur Hany Abu-Hassad den Weg von Serlbstmordattentätern nach: berechnend, radikal, explosiv.

Der 1961 in Nazareth geborene Regisseur Abu-Assad erzählt die Geschichte zweier palästinensischer Attentäter und schildert dabei die hoffnungslose Stimmung in Nablus, ohne in eine undifferenzierte Kritik an Israel abzugleiten. Er gibt Menschen, die sich für ein Selbstmordattentat zur Verfügung stellen, ein Gesicht. In diesem Fall sind es Menschen voller Verzweiflung und Verletzungen, die keinen anderen Ausweg mehr wissen und deren Blicke häufig mehr, sagen als Dialoge es vermögen.

Khaled (Ali Suliman) und Said (Kais Nashef) sind seit ihrer Kindheit befreundet. Arbeit gibt es in Palästina kaum, nur ab und zu einmal in einer heruntergekommenen Autowerkstatt. Die beiden attraktiven Männer fühlen sich wie gefangen, da israelische Soldaten scheinbar überall die Wege versperren. Israelische Soldaten waren es auch, die Khaleds Vater zum Krüppel schlugen. Saids Vater wurde erschossen - jedoch von palästinensischen Milizen, da er kollaborierte. All dies können Gründe dafür sein, warum sich die beiden Freunde irgendwann einmal dafür entschieden, für die Befreiung von der israelischen Besatzung ihr Leben lassen zu wollen.

Als dann tatsächlich der Befehl zu der Mission kommt, sind beide doch überrascht. Keinem dürfen sie etwas davon erzählen, nur eine Nacht bleibt für den Abschied von den Familien und Freunden. Vor allem Said fällt es schwer, denn er hat gerade erst eine junge Frau kennen gelernt: Suha (Lubna Azabal), die Tochter eines legendären Märtyrers. Sie ist vor kurzem aus dem Exil zurück gekommen und kann eine Entscheidung für einen Tod, wie ihn ihr Vater erlitt, überhaupt nicht mehr nachvollziehen.

Der Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt

Gezeigt wird, wie die beiden Männer - von einer Organisation, deren Name nicht genannt wird - auf ihren "Einsatz" vorbereitet werden, wie ihnen die Sprengstoffgürtel um die Hüften gelegt werden, wie Chefterrorist Jamal (Amer Hlehel) ihnen Mut macht, wie die letzten Worte der beiden auf Video aufgezeichnet werden. Die Operation verläuft dann aber doch nicht wie geplant: An der Grenze verlieren sich die beiden Freunde aus den Augen. Während der eine zu seinen Auftraggebern zurückfindet, irrt der andere mit den an seinem Körper befestigten Bomben durch das Grenzgebiet. Und hat plötzlich Angst vor dem Tod, dem er sich doch eigentlich schon ganz hingegeben hatte.

In dieser Extremsituation muss jeder der beiden für sich allein entscheiden, ob ihr Vorhaben richtig ist. Sind sie wirklich zum Töten und zum Tod bereit, hat dieser überhaupt einen Sinn, gibt es in dieser Situation noch die Chance zu einem Ausbruch aus dem Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt? Diese Fragen und die damit verbundenen Zweifel werden durch die Kameraeinstellungen verstärkt.

Immer wieder werden die Gesichter der beiden Freunde heran- und wieder weggezoomt, ängstliche und entschlossene Blicke wechseln und zeigen die Verunsicherung, wodurch die "Todesengel" immer menschlichere Züge gewinnen. Was den Film gleichzeitig zwiespältig machen kann, denn er provoziert bekannte Frage: Dürfen die menschlichen Seiten von Tätern gezeigt werden? Werden so nicht gleichzeitig Terrorismus und die Vorhaben der potenziellen Mörder gerechtfertigt, während die Leiden der Opfer ausgeblendet werden?

Fragen, die in diesem Fall verneint werden können, da Abu-Assad die Männer nicht zu Helden stilisiert. Am Ende gehen die beiden Freunde getrennte Wege, und es wird klar, dass die Entscheidung für den Tod die falsche ist. Zu sehen ist Said, der in einem mit gut gelaunten Soldaten besetzten Bus in Tel Aviv sitzt. Seine Augen werden immer größer. Dann ist alles weiß. Seine Tat wirkt nicht wie eine Befreiung, sondern erscheint sinnlos.

Die Aktualität des Themas, die grandiosen Leistungen aller Schauspieler und die dichte Erzählweise machen die internationale Koproduktion (Palästina, Niederlande, Deutschland, Frankreich) zu einem Kinoerlebnis. Der Film, der in Nablus gedreht wurde, lief im Wettbewerbsprogramm der Berlinale und wurde mit zwei Preisen ausgezeichnet.

(ap)
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