1. Kultur
  2. Film
  3. Kinokritiken

Film-Kritik: Oliver Twist: Ein kleines Licht im Dunkeln

Film-Kritik : Oliver Twist: Ein kleines Licht im Dunkeln

Einfach war es sicher nicht, den Roman "Oliver Twist" ganz neu zu verfilmen. Zu häufig schon wurde Charles Dickens' Werk auf die Leinwand gebracht, auch als Musical war die Geschichte um den pfiffigen Londoner Waisenjungen zu sehen. Roman Polanski hat es dennoch getan, und seine Sichtweise ist genial und düster.

Um es vorweg zu sagen: Polanski hat seinem vielgerühmten Kinoerfolg "Der Pianist" ein weiteres Meisterwerk folgen lassen. So dunkel und dicht sind die Erlebnisse des kleinen Helden im sozial erbarmungslosen London Mitte des 19. Jahrhunderts noch nie in Szene gesetzt worden. Dickens hat ja gerade in "Oliver Twist" ein Panorama jener frühkapitalistischen Missstände ausgebreitet, in denen Armut bitteres Elend bedeutete. Was Polanskis Film keineswegs nur zur historischen Erinnerung macht, ist die Tatsache, dass solche Zustände in vielen Teilen der heutigen Welt noch immer oder schon wieder herrschen. Die Straßenkinder in Rio, Lagos oder Manila können davon beklemmende Zeugnisse geben.

"Oliver Twist" ist die Geschichte eines elternlosen Knaben, der in der Provinz als Art Arbeitssklave an einen Leichenbestatter verkauft wird, doch die Flucht ergreift und sich auf die Wanderschaft ins ferne London begibt. Dort halb verhungert angekommen, mittellos und allein, wird er sofort von einer jugendlichen Diebesbande in Beschlag genommen. Deren Oberhaupt ist der alte verschrobene Ganove Fagin, der von den Raubzügen seiner Zöglinge profitiert. Polanski und sein Drehbuchautor Ronald Harwood haben darauf verzichtet, die von Oscar-Preisträger Sir Ben Kingsley brillant dargestellte Figur über die Maßen zu dämonisieren. Vielmehr ist dieser Fagin, mit dem es ein schreckliches Ende nehmen wird, eine tragische Figur in skandalösen gesellschaftlichen Zuständen.

Persönlicher Bezug Polanskis zur Geschichte

Eine glückliche Hand bewies Polanski bei der Besetzung der Titelrolle mit dem inzwischen zwölfjährigen Barney Clark. Der gebürtige Londoner verkörpert glaubwürdig und anrührend jenen Jungen, der sich unter härtesten Bedingungen durchsetzt, ohne seine knabenhafte Unschuld gänzlich zu verlieren. Ein weiterer Star des Films ist die opulente, bis in die Details stimmige Ausstattung des weitgehend in Prag gedrehten Films. Wer wissen will, wie es im London um 1837, dem Erscheinungsjahr des Romans, ausgesehen haben mag, sollte sich diesen Streifen ansehen.

Zu erleben ist keineswegs nur ein Film für Kinder oder für kindliche Gemüter. Polanski nimmt die Vorlage vielmehr so ernst wie die ihre innewohnende Sozialkritik eines Autors, der wusste, wovon er schrieb. Und der Regisseur, der im heimatlichen Polen während der Kriegs- und Nachkriegsjahre selbst Erfahrungen in Pflegefamilien und Waisenhäusern machen musste, hat einen ganz persönlichen Bezug zum Schicksal von Oliver Twist.

Außerdem, so hat er verraten, "schulde ich meinen Kindern einen Film. Sie sind immer sehr interessiert an meiner Arbeit, aber weniger am Thema." Seine zwei Kinder haben sogar Rollen übernommen: Morgane spielt eine Farmerstochter, und der kleine Elvis ist als Junge mit dem Reifen zu sehen.

(ap)