"Winter's Bone" - Thriller und Sozialdrama: Odyssee durch Amerikas Hinterland

"Winter's Bone" - Thriller und Sozialdrama : Odyssee durch Amerikas Hinterland

Düsseldorf (RP). Ree ist erst 17, kümmert sich um ihre kleinen Geschwister und die psychisch kranke Mutter. Doch dann soll ihr Zuhause verpfändet werden, wenn sie ihren Vater nicht auftreibt. Eine gefährliche Suche beginnt. "Winter's Bone" ist ein unerbittliches Sozialdrama und ein hervorragender Thriller.

In diesen Bergen ist die Idylle abgestorben: Die Wiesen sind braun, vor den Blockhäusern lagert Gerümpel, Kinder spielen mit ausgeblichenem Plastikspielzeug im Dreck oder hüpfen in dicken Jacken auf dem verwitterten Trampolin hinter dem Haus. Das Ozarkgebirge im Mittleren Westen der USA ist eine der Drogenküchen Amerikas.

Viele Bewohner der trostlosen Berge kochen in ihren Wohnwagen Crystal, ein Aufputschmittel, das Angst unterdrückt, Selbstbewusstsein vorgaukelt und sofort abhängig macht. Sie werden nicht reich von der Kocherei, aber viele werden selbst süchtig. Dann ist es vorbei mit Regungen wie Güte oder Mitleid. Das Leben ist hart in den Ozarkbergen, die Menschen dort sind es auch.

Der Vater war Crystal-Kocher

Die 17-jährige Ree hat das längst am eigenen Leib erfahren. Auch ihr Vater war Crystal-Kocher und hat gedealt. Irgendwann kam er ins Gefängnis, die Mutter ist in eine schwere Depression gesunken. Schweigend sitzt sie daheim auf dem räudigen Sofa, nichts hält ihren Blick. Also kümmert sich Ree um die beiden jüngeren Geschwister. Die Autorität dafür hat sie, die wirtschaftliche Grundlage nicht. Oft ist der Kühlschrank leer. Dann haut Ree ein paar Kartoffeln in die Pfanne, und die Kleinen essen die Schale mit.

"Winter's Bone" ist ein unerbittliches, vollkommen unsentimentales Sozialdrama, das tief hineinführt in das Leben einer weißen Unterschicht im amerikanischen Hinterland, die abgetaucht ist in die Kriminalität. Öde wird das nicht, weil der Film zugleich ein bedrohlicher Thriller ist, bei dem das Unheil in der Luft liegt — 100 Minuten lang.

Ree gerät in existenzielle Schwierigkeiten, als ein Polizist vorfährt und ihr eröffnet, dass ihr Vater auf Kaution freigelassen worden ist. Allerdings hat er das Haus der Familie als Sicherheit hinterlegt und ist zum Stichtag nicht wieder aufgetaucht. Ree wird also die schüttere Hütte verlieren, in der sie mit der Rumpffamilie haust, wenn sie ihren Vater nicht binnen einer Woche auftreibt.

Ree hat Angst vor ihrer Sippe - und das zu Recht

So beginnt die Odyssee eines Teenagers, der in der Verwandtschaft herumfragen muss, wo sein Vater stecken könnte. Nur mag man in der Sippe Schnüffler nicht, egal aus welcher Not heraus sie Fragen stellen. Und Blutsverwandtschaft schützt vor gar nichts. Erst droht man Ree, dass sie die Suche nach ihrem Vater aufgeben soll, dann bekommt sie die Gewalt ihrer verrohten Verwandten zu spüren. Und der Zuschauer muss erleben, dass Familie keineswegs stets letzter Hort von Solidarität und Mitgefühl ist. Ree hat Angst vor ihrer Sippe und das zu Recht.

Es ist die Kargheit, mit der Debra Granik diese Verhältnisse schildert, die "Winter's Bone" so eindringlich macht. Wenn Ree etwa beim Oberhaupt des Familienclans aufkreuzt und schon vor der Tür von dessen zynischer Frau mit dem hart gegerbten Gesicht abgefertigt wird, dann fallen nicht viele Worte. Und doch ist in dem kurzen Kräftemessen an der Hausschwelle alles enthalten: der Mut der jungen Ree, ihr Interesse vorzubringen, die Abgebrühtheit der Älteren, die keinerlei Mitgefühl zeigen, nur die kalte Aggression einer Frau, die selbst Angst hat. Man ahnt, was in einem Leben alles geschehen sein muss, bis man einem anderen so begegnet.

Kriegseinsatz als Flucht aus der Verantwortung

Gespielt wird die starke, dabei unendlich einsame Ree von Jennifer Lawrence. Sie war für diese Rolle zu Recht für einen Oscar nominiert. Selten hat man eine gerade mal 20-jährige Schauspielerin mit einem so alten Blick spielen sehen. Ree ist erschöpft von einem Leben, das ihr zu viel zumutet. Doch ist sie noch jung genug, um die Zukunft nicht endgültig abgehakt zu haben.

Das macht sie zur tragischen Figur. Sie möchte ihren Geschwistern eine schönere Kindheit bieten und sitzt dann doch eines Tages in einer Army-Anwerbestelle, weil die Prämie ihre letzte Hoffnung ist und weil der Kriegseinsatz eine Flucht aus der Verantwortung daheim bieten könnte.

Lawrence überdreht ihre Rolle an keiner Stelle, sie gibt nicht die rockige Superheldin, sondern eine mutige Pragmatikerin, die den degenerierten Ehrbegriff ihres Clans durchschaut und um echte Würde kämpft. Wie sie in "Winter's Bone" mit traurigem Stolz über die kargen Hügel schaut oder den hasserfüllten Blicken ihrer Cousinen standhält, das hat die Stärke und Unbestechlichkeit eines Western-Helden.

Dünne Chance auf eine andere Zukunft

Dazu sieht man dem Film an, wie weit Granik sich auf die Landschaft und deren Bewohner eingelassen hat. Gedreht wurde in einem wirklichen Wohnhaus, die Schauspieler tragen die verwaschenen Shirts und dreckigen Parka von Einwohnern. Sie sprechen auch den Slang aus diesem Teil Missouris, was in der Synchronisation bedauerlicherweise verloren geht. Doch allein die fahle Landschaft, durch die die Menschen ihre Trucks bewegen von einer feindlichen Hauseinfahrt zur nächsten, sagt genug über die Perspektivlosigkeit in der Region.

Und dann öffnet der Film plötzlich doch für ein paar Sekunden die Türen in eine andere Welt. Männer und Frauen mit Banjo und Gitarren sitzen im Kreis, spielen einen Country-Song aus Missouri, fühlen sich wohl in der Musik, sind eine Gemeinschaft. Für Momente spürt man da, dass es schön sein könnte in den Bergen, bei Menschen, die ihre eigene Kultur pflegen. Doch Ree muss weiter.

Am Ende werden die Familienbande doch zäher sein als Ree erwartet. Dadurch wird nichts gut in diesem Film, aber Ree erhält die dünne Chance auf eine andere Zukunft. Man traut sie ihr zu. Das ist der Trost dieses Filmes.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Jennifer Lawrence in "Winter's Bone"

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