Film-Kritiken: NVA: Wer will schon zur Armee?

Film-Kritiken : NVA: Wer will schon zur Armee?

Wenn man in der ehemaligen DDR zur Armee gerufen wurde, blieben die Jubelrufe im Allgemeinen aus: Die NVA stand nicht gerade auf der Top-Ten Liste der jungen Männer. Harte Dienste, monatelange Entbehrungen im Dienste des sozialistischen Vaterlandes und "kämpfen für den Frieden" standen im Mittelpunkt. Regisseur Leander Haußmann weiß, wovon er in seinem neuen Film "NVA" spricht: Er selbst leistete 1980 als Obermatrose seinen 18-monatigen Wehrdienst ab.

Der Regisseur und Autor des Kinohits "Sonnenallee" kennt also aus eigener Erfahrung, was er in dem 98-minütigen Streifen zeigt, sein Film spielt Ende der 80er Jahre just zu der Zeit, in der sich das Ende der DDR abzeichnete. Held der Handlung ist der sensible Henrik Heidler, der nur ein Ziel hat: Er will die Zeit in der NVA möglichst unbeschadet an Leib und Seele überleben. Denn im Zivilleben lockt seine heißgeliebte Freundin Eva.

Sein stämmiger Zimmergenosse Krüger ist ein ganz anderer Typ. Krüger hat in jeder Stadt eine andere Freundin, ist selbstbewusst und rebelliert gegen den Drill und die Allmacht der Vorgesetzten, für die "innere Führung" wie in der feindlichen Bundeswehr sich wohl nur als typische Schwäche des "Klassenfeindes" darstellt. Der unangenehmste Kommisskopf ist Regimentskommandeur Oberst Kalt, umgeben von einer devoten Schar von Offizieren und Unteroffizieren. Dass sich Henrik die Haare abschneiden lassen muss, trifft ihn weniger als die ausbleibende Beantwortung seiner seitenlangen Briefe an Eva. Während eines Manövers begegnet er aber der hübschen Marie.

Auf klamaukhafte Momente weitgehend verzichtet

Was er da noch nicht weiß: Marie ist ausgerechnet die Tochter von Oberst Kalt. Ganz andere Probleme hat Krüger, der wegen seines aufsässigen Verhaltens in die berüchtigte Strafeinheit nach Schwedt versetzt wird und von dort gebrochen zurückkommt. Außerhalb des Kasernenlebens aber ereignen sich historische Umwälzungen, denn die Mauer in Berlin fällt, und die militärische Disziplin löst sich auf. Der ungeliebten Armee des maroden "Arbeiter- und Bauernstaates" wird bald die Stunde der "Abwicklung" schlagen, für Henrik und Marie aber werden sich ganz neue Lebensperspektiven ergeben.

Leander Haußmanns Film "NVA" dürfte hohen Gebrauchs- und Unterhaltungswert im Bereich der ehemaligen DDR haben, dort vor allem bei Männern mit Wehrdiensterinnerungen. Im alten Bundesgebiet darf "NVA" auf eine gewisse Neugier zählen, wie es denn wohl so zugegangen ist im Osten. Eine Komödie, wie der Verleih wirbt, ist der Film nicht so richtig, es gibt auch tragische und satirische Momente darin. Haußmann verzichtet weitgehend auf klamaukhafte Elemente, die deutsche Komödien oft so ungenießbar machen. Dafür bürgt schon Kim Frank, der zartgliedrige und verträumt wirkende Darsteller des Henrik. Der 23-Jährige hatte vor einigen Jahren als Sänger der Teenie-Band Echt einige Berühmtheit erlangt.

Nun zeigt sich der junge Mann als respektabler Schauspieler bei seinem Debüt vor der Kamera. Der massige Oliver Bröcker gibt als Krüger eine beeindruckende Vorstellung. Detlev Buck, als Filmemacher vorerst gescheitert, verkörpert auf bekannt dröge norddeutsche Art den unerbittlichen, am Ende aber resignierenden Oberst Kalt. Seine liebliche Tochter Marie wird von Jasmin Schwiers gespielt. Am Drehbuch hat auch Thomas Brussig mitgearbeitet, der 1995 mit "Helden wie wir" einen großen Romanerfolg hatte. Haußmann und Brussig bürgen als ehemalige DDR-Bürger für ein authentisches Bild von der damaligen Zeit zwischen Elbe und Oder.

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(ap)
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