Nachkriegsfilm: Nina Hoss als Holocoust-Überlebende in "Phoenix"

Nachkriegsfilm: Nina Hoss als Holocoust-Überlebende in "Phoenix"

Bereits zum sechsten Mal spielt Nina Hoss die Hauptrolle in einem Film von Christian Petzold. In "Phoenix" ist sie eine Holocaust-Überlebende, die in ihre Heimat Berlin zurückkehrt und vom eigenen Mann nicht erkannt wird.

Sie sind ein künstlerisches Traumpaar: Schauspielerin Nina Hoss und Filmregisseur Christian Petzold haben mit "Phoenix" bereits den sechsten gemeinsamen Film gedreht. Nach dem in der DDR der 80er Jahre spielenden Drama "Barbara" und Filmen über die deutschen Gegenwart wie "Yella" und "Jerichow" erzählen sie nun eine Geschichte aus dem Jahr 1945.

Hoss spielt in "Phoenix" die Holocaust-Überlebende Nelly. Schwer im Gesicht verletzt, kehrt die junge Frau aus dem Konzentrationslager zurück nach Berlin. Eine Operation rettet sie. Ihr Äußeres ist etwas verändert. Doch vor allem ist sie seelisch so schwer gezeichnet von den erlebten Grausamkeiten, dass ihre Ausstrahlung und ihr Auftreten mit dem der Nelly von früher nichts mehr zu tun haben. Ihr eigener Mann Johnny (Ronald Zehrfeld) erkennt sie nicht mehr.

"Das Ziel der Konzentrationslager war es, die Menschen auszulöschen - sie ihrer Persönlichkeit zu berauben und in ihrem Willen zu brechen, bis sie nur noch funktionieren, wie Tiere", sagt Hoss im dpa-Interview. "Sie fühlen sich gar nicht mehr als Menschen. Meine Hauptarbeit für diese Rolle war es herauszufinden, wie man dem Zustand so eines Menschen nahekommt."

Bei ihrer Wiederkehr aus dem Konzentrationslager ist Nelly (Nina Hoss) nicht mehr die gleiche. Foto: dpa, sab

Nelly ist ein gebrochener Mensch. Sie kommt als Überlebende zurück, um herauszufinden, ob Johnny derjenige war, der sie an die Nazis verraten hat. Doch warum erkennt ihr Mann sie nicht mehr? "Nelly kennt sich selbst nicht mehr. Deshalb kann auch Johnny sie nicht erkennen", erklärt Hoss. Die Überzeugungskraft von "Phoenix" steht und fällt damit, ob der Zuschauer dieses Nicht-Wiedererkennen nachvollziehen kann.

Hoss spielt die gebrochene Frau mit den tiefen Furchen im Gesicht und dem mausgrauen Haar mit großer Intensität. Auf berührende Art zeigt sie, wie die schüchterne, ängstliche Nelly nach und nach wie ein Phönix aus der Asche wieder ein Selbstbewusstsein erlangt. Konstruiert wirkt die Geschichte, als Johnny seine Frau zwar nicht erkennt, sich aber doch irgendwie an sie erinnert fühlt - und die vermeintlich Fremde überredet, sich als Nelly auszugeben, damit er an das Erbe ihrer von den Nazis ermordeten Familie herankommt.

Ob diese Wendung der Geschichte plausibel ist, ist am Ende aber eigentlich gar nicht wichtig. Der sorgfältig ausgestattete und mit Nebendarstellern wie Nina Kunzendorf als Nellys Freundin Lene besetzte Film erzählt nicht nur von einem Einzelschicksal. Es geht um die Deutschen im Jahr 1945 - ein Thema, das international interessiert. Seine Weltpremiere feierte "Phoenix" beim Filmfestival Toronto. Festivaleinladungen nach London und San Sebastian folgten.

Im Film will niemand Nellys Leidensgeschichte hören, niemand fragt sie, wie es ihr geht, was sie erlebt hat. "Die Menschen wollen sich dem Ausmaß dessen, was dieses Land angerichtet hat, nicht stellen. Und man kann nicht unschuldig fragen", so Hoss. Dieser genaue Blick von Petzold auf deutsche Zustände und Befindlichkeiten ist es, der Nina Hoss fasziniert. "Wenn ich eine Figur von Petzold spiele, erzähle ich immer zwei Dinge gleichzeitig: Etwas über Deutschland und ganz konkret über die Figur. Das gibt es ganz selten. Es gibt immer eine zweite Ebene."

(dpa)
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