"Mit ganzer Kraft": Rührender Kampf gegen die Krankheit

"Mit ganzer Kraft" im Kino : Rührender Kampf gegen die Krankheit

In "Mit ganzer Kraft" nimmt Julien im Rollstuhl am Iron Man teil. Der Film von Nils Tavernier berührt vor allem in seinen stilleren Szenen.

Der Junge am Fenster beobachtet sehnsüchtig seinen Vater, der in der Ferne joggt. Vom Laufen kann Julien (Fabien Héraud) nur träumen. Von Nähe zu seinem Vater auch. Seit frühester Kindheit leidet der 18-jährige an Infantiler Zerebralparese. Wenn er den Rollstuhl verlassen möchte, muss ihn jemand tragen. Wo sein Körper versagt, entwickelt Juliens Wille enorme Kräfte. Er möchte mit seinem Vater Paul (Jacques Gamblin) am "Iron Man France"-Triathlon teilnehmen. 3,8 Kilometer Schwimmen im offenen Meer, 180 Kilometer Radfahren durch die Seealpen, dann ein 42-Kilometer-Marathon nach Antibes und zurück, und das alles in maximal 16 Stunden. Nur will Paul beides nicht. Weder die Teilnahme am Wettkampf noch seinen Sohn, der nicht so geworden ist, wie er sein sollte.

Regisseur Nils Tavernier, Sohn des bekannten französischen Filmemachers Bertrand Tavernier ("Der Lockvogel"), schrieb das Drehbuch zu "Mit ganzer Kraft" frei nach der Erfolgsstory des Teams Hoyt, eines amerikanischen Vaters und seines gelähmten Sohns, die gemeinsam an über 1000 Sportwettkämpfen teilnahmen (s. Infobox).

Tavernier verlagert das Geschehen einfach von den USA in die ostfranzösische Alpenregion um Annecy, was dem Film eine grandios unwirtliche Atmosphäre gibt. Die rauen Bergpanoramen und geröllübersäten Schluchten verstärken das Gefühl, dass die Welt auf einen Jungen wie Julien nicht eingerichtet ist.

Einen Hauptdarsteller zu finden, erwies sich für Tavernier als schwierig: Er suchte in 170 Pflegeeinrichtungen, bis er auf Fabien Héraud stieß, der an Infantiler Zerebralparese leidet. Mit seiner Authentizität und Verwundbarkeit ist Héraud ein Glücksgriff. Angst, Freude oder Wut zeigen sich unverfälscht in seinem Gesicht. Es ist der gleiche Effekt wie bei der gehörlosen Oscarpreisträgerin Marlee Matlin in "Gottes vergessene Kinder": Was der Zuschauer sieht, fordert echtes Mitgefühl und echten Respekt. Kein Dustin Hoffman als Autist, kein Rollstuhl fahrender Tom Cruise auf Oscar-Jagd. Stattdessen ein Stück Wirklichkeit auf der Leinwand.

Juliens Unbeirrbarkeit steht im krassen Gegensatz zu seinem Vater, für den nichts mehr möglich scheint. Pauls eigener Traum vom "Iron Man" zerplatzte vor 15 Jahren, als er es nicht ins Ziel schaffte. Er ist arbeitslos und leidet darunter. Seinem Sohn und seiner Frau Claire (Alexandra Lamy), die sich mit der Verantwortung allein gelassen fühlt, geht er nach Möglichkeit aus dem Weg. Doch wo seine Eltern verzagen, ist Julien nicht zu stoppen. Er brennt mit einem Freund zur Rennleitung durch und meldet sich für den "Iron Man" an. Er setzt sich gegen seine überbesorgte Mutter durch. Er bringt Paul dazu, spezielle Sportanhänger für ihn zu bauen und ein Schlauchboot zu kaufen.

Sobald Vater und Sohn mit dem Training beginnen, erleidet der Film einen Bruch, das subtile Familiendrama wandelt sich zum routinierten Sportfilm. In schwungvollen "Rocky"-Montagen sieht man Paul und Julien schreiend vor Freude Bergstraßen herunterrasen, aus der Kurve fliegen, mit blutigen Schrammen an Gesicht und Armen nach Hause kommen. Claire lässt sie gewähren. Längst hat sie erkannt, dass dies Pauls letzte große Chance ist, seinem Kind endlich ein Vater zu sein. Nach und nach begreifen beide Eltern, was Julien sie lehren will: Träume kann man sich erfüllen, und Hindernisse sind da, um gemeistert zu werden.

Eine Botschaft so alt und kitschig wie das Kino selbst, die Tavernier im Wettkampf-Finale ungeniert mit noch mehr Pathos und Durchhalteparolen auflädt. Bei allem Drall zum Mainstream berührt "Mit ganzer Kraft" am meisten in den stilleren Szenen, die mit Sport und Schweiß und Schürfwunden nichts zu tun haben. Es sind die Momente, in denen sich die wundersame späte Geburt einer Familie vollzieht: die scheue Wiederannährung zwischen Juliens Eltern. Der sprachlose Augenblick, in dem Paul zum ersten Mal mit Stolz auf seinen Sohn blickt.

(RP)
Mehr von RP ONLINE