"Maps To The Stars" von David Cronenberg: Sarkastische Abrechnung mit Hollywood

"Maps To The Stars" im Kino : Sarkastische Abrechnung mit Hollywood

Der Kanadier David Cronenberg hat zum ersten Mal in Hollywood gedreht - das Familien-Horrordrama "Maps To The Stars". Darin zerbricht eine Familie an ihrem verbissenen Kampf um Erfolg und an einem dunklen Geheimnis.

Sie trägt lange schwarze Handschuhe über ihren Narben, weil das Feuer sie fast verzehrt hat. Dabei wollte Agatha die anderen aus der Welt brennen, den Vater, der als esoterischer Psycho-Motivator alternde Stars ausnimmt, und die Mutter, die nur Augen für den kleinen Bruder hatte, der als Kinderstar in Hollywood auch schon ein Vermögen verdient hat. Vielleicht trieb sie Eifersucht, vielleicht die Hellsichtigkeit eines Kindes, das in der Filmwelt aufwächst und die Verlogenheit, den Neid und die Ängste der Erwachsenen durchschaut. Jedenfalls ist Agatha ein Monster. Und sie ist zurück in L.A. - gekommen, um die Familie noch einmal zu besuchen.

Zum ersten Mal hat der kanadische Regisseur David Cronenberg in Hollywood gedreht. Und gleich macht er die Hauptstadt der Eitelkeit und des verbissenen Konkurrenzkampfes selbst zum Thema. "Maps To The Stars" ist eine biestige Satire auf die Scheinwelt Hollywoods, in der es um Aussehen und Beziehungen geht und hinter allem um Geld. Neu ist das freilich nicht. Auf dieser Flanke wurde Hollywood schon öfter attackiert. Cronenberg hat kein neues Thema, aber eine neue Methode: Genremixtur.

Der Film ist zugleich auch noch ein Familiendrama, ein Horrorthriller mit Splatter-Elementen und eine schwarze Romanze. Doch hat Cronenberg aus all den Genres kein Amalgam geschmolzen. Der Film kippt von einer Erzählweise in die nächste, hat bewusste Brüche. Als habe ein Drehbuchautor an seiner Geschichte herumdoktern müssen, um sie mit immer neuen Anreizen zu verkaufen. Man kann das als Kritik am System Hollywoods auf formaler Ebene werten. In jedem Fall schadet die erzählerische Merkwürdigkeit nicht, sie ist der eigentliche Reiz dieses seltsamen Films, in dem sich der Zuschauer nie zuhause, nie sicher fühlen kann. Eher wie ein Versuchskaninchen, das auf abenteuerliche Umschwünge in der Erzählhaltung reagieren muss.

Eigentlich ist die Handlung aber gar nicht wichtig. Cronenberg stellt eher ein Ensemble merkwürdiger Figuren zusammen, die der Zuschauer eine Weile beobachten darf. Allesamt sind sie überzeichnet, jedoch nicht auf vorhersehbare Art, man studiert sie also gern. Und sie werden von Schauspielern gespielt, die ihre Chance wittern und den Film phasenweise an sich reißen.

Allen voran Julianne Moore, die eine in die Jahre gekommene Diva spielt, die nicht nur mit dem eigenen Alter, dem Verblassen ihres Ruhms, dem Ausgemustertwerden hadert, sondern auch noch dem Vorbild der eigenen Mutter genügen will. Die war in den guten alten schwarz-weißen Tagen Hollywoods ein Star und soll nun in einem Biopic wieder auferstehen.

Natürlich will die Tochter die Rolle. Vor allem auch, weil es womöglich ihre letzte Chance ist, eine bedeutende Figur zu ergattern. Moore spielt diese Frau mit der aggressiven Egozentrik einer alternden Diva, verzweifelt selbstbewusst, unwirsch, launisch und hinter all dem unendlich verletzlich, weil ein Schauspieler nun mal nicht anders kann, als den Verlust einer Rolle, die Ablehnung seiner Kunst, persönlich zu nehmen.

Moore selbst hat diese Sorgen freilich nicht, sie bekam für diese Rolle bereits eine Palme in Cannes und darf für die Oscars zumindest hoffen.

Auch Mia Wasikowska, das blasse, auf spannende Art stets ein wenig in sich gekehrte Mädchen, macht aus der Rolle der Agatha ein sehenswertes Solo. Sie ist ein unscheinbarer Racheengel, ein Teufel in Gestalt des intelligenten Teenagers, ein beunruhigender Nerd. Weil sie als Kind Feuer legte und ihre Familie beinahe tötete, verbrachte sie ihre Jugend in einer Psychiatrie. Die Familie hat sie verstoßen, doch Agatha kehrt zurück an den Hollywood-Boulevard, um ein dunkles Familiengeheimnis zu lüften. Natürlich geht das nicht schmerzfrei.

John Cusack genießt seine Rolle als New-Age-Seelenmasseur, und auch Kinderstar Evan Bird spielt seine Rolle als arrogantes Schnöselkind mit sichtlicher Lust.

Am Ende drischt Cronenberg noch einmal herzhaft ein auf das heuchlerische Personal, das für Erfolg seine Seele verkauft. Gut möglich, dass er nicht nur Hollywood im Blick hatte.

(RP)
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