Kino-Kritik: Lehrjahre eines Schnösels

Kino-Kritik : Lehrjahre eines Schnösels

Düsseldorf (RP). Die Mobling-Forschung lässt noch viel zu wünschen übrig. Offiziell werden Frauen von Männern gemobbt, Junge von Alten, Schwarze von Weißen. Im Grunde hängt es immer davon ab, welche Gruppe zahlenmäßig überlegen ist.

Und wenn eine Schule überwiegend von Jugendlichen aus armen Familien besucht wird, dann haben es eben die verwöhnten Kinder reicher Eltern schwer. Charlie Bartlett (Anton Yelchin) ist so ein Kind. Er trägt seinen Reichtum zur Schau, betritt das Schulgebäude mit exquisiten Anzügen und einer teuren Aktenmappe.

Charlie Bartlett wird von keiner Privatschule mehr angenommen, weil er für seine Mitschüler Ausweise gefälscht hat. An der ersten öffentlichen Schule, die er besuchen muss, ist er ein Fremdkörper. Er wird angerempelt, ausgelacht, in die Kloschüssel getaucht. Allein Susan (Kat Dennings) mag ihn. Aber Susan ist ein Gruftie, sie kleidet und schminkt sich schwarz. In Charlie erkennt sie einen Artverwandten. Seine vornehme Kleidung wirkt an dieser Schule wie ein bizarres Kostüm.

Charlie lebt allein mit seiner neurotischen Mutter Marilyn (Hope Davies). Der Vater ist tot oder verschwunden oder im Knast. Das Geheimnis bleibt lange Zeit ungeklärt. Der abwesende Vater wird von Psychotherapeuten ersetzt, die ihm leichtfertig Ritalin verschreiben.

Die Drogen, an die er so leicht herankommt, sind Charlies Rettung. Mit ihnen löst er das Gewaltproblem. Der Ober-Rabauke Murphy (Tyler Hilton), eben noch sein Peiniger, wird unversehens sein Komplize. Gemeinsam gründen sie ein Unternehmen; sie verkaufen Pillen an ihre Mitschüler.

Der Umgang mit Jugendgewalt und Drogen ist Stärke und Schwäche des Films zugleich. Im Gegensatz zu den üblichen Pennäler- Komödien spricht "Charlie Bartlett" schwerwiegende Probleme an. Aber sie werden weggelacht, zu leichtfertig gelöst. Nicht jeder misshandelte Schüler verfügt über die finanziellen Mittel, um seine brutalen Mitschüler zu Komplizen zu machen. Und die Nebenwirkungen der Tabletten sind nicht so harmlos. Charlie verteilt Viagra und noch härtere Wirkstoffe, aber mit welchen Konsequenzen? Ein depressiver Mitschüler, Kip (Mark Rendall), unternimmt einen Selbstmordversuch, wird gerettet, und plötzlich ist er beliebt. Sein selbstverfasstes Theaterstück über Jugendprobleme wird aufgeführt. Wenn es doch in der Realität so einfach wäre.

Der Regisseur Jon Poll war vorher Cutter, das merkt man dem Film an. Poll achtet auf Tempo, weiß genau, wann man schneiden muss. Handwerklich ist der Film tadellos. Ihm fehlt nur eine Moral, eine klare Aussage, eine Seele. Muss man das von einer Teenie-Komödie erwarten? In diesem Fall ja, weil "Charlie Bartlett" vorgibt, mehr zu sein. Und der Film ist ja auch mehr. Er betreibt keine Schwarz-weiß- Malerei. Charlies Eltern und Lehrer werden nicht bloßgestellt, sind keine Karikaturen. Charlies Mutter ist keine monströse, besitzergreifende Matriarchin, sondern eine verletzliche Frau, die man auf Anhieb liebgewinnt. Den Schulleiter Gardner verkörpert Robert Downey Jr., der selbst eine Drogenkarriere hinter sich hat, das verbindet ihn mit den Schülern. Gardners Tochter ist Susan, die Charlie liebt, was das Konfliktpotenzial erhöht.

Eine Teenie-Komödie mit Charme, Witz, Tiefsinn und exzellenten Darstellern — zugleich ein Kommentar zur Bildungsmisere, zur leichtfertigen Verschreibung von Medikamenten. All das ist "Charlie Bartlett" in Ansätzen. Die sollte man würdigen, statt ein epochales Meisterwerk zu erwarten. Natürlich wäre noch mehr drin gewesen. Doch was hier geboten wird, liegt immerhin bereits über dem Durchschnitt.