Dokumentation "I'm Still Here": Koksendes und cholerisches Rap-Monster

Dokumentation "I'm Still Here" : Koksendes und cholerisches Rap-Monster

Will uns dieser Film verschaukeln? Oder meint er es ernst? Ist er tragikomisches Burnout-Dokument und Selbstzerstörungsporträt oder ein Medienstreich? Bei seiner Premiere auf dem Filmfestival von Venedig hat das Regiedebüt des Schauspielers Casey Affleck Publikum und Kritiker zum Rätselraten animiert, manche sorgten sich gar um den Geisteszustand der Beteiligten.

Vor allem um den des Hauptakteurs Joaquin Phoenix, der als Johnny Cash in "Walk the Line" (2005) noch singen konnte und dafür den Oscar erhielt und jetzt in "I'm Still Here" den größenwahnsinnigen Rapper "JP" gibt, der nicht rappen kann.

Phoenix verkündet vor der Kamera seines Schwagers Affleck, er wolle nicht länger eine Schauspielpuppe sein, sondern als Musiker selbst die Strippen ziehen.

Sein anderes Ich JP legt sich fortan einen beachtlichen Bauch zu und lässt seine Haare verfilzen, vergnügt sich mit Groupies und traktiert seine Assistenten, verschläft die Einladung zu Obamas Amtseinführung und treibt Sean "Diddy" Combs mit seinen peinlichen Rap-Versuchen in die Ratlosigkeit.

Flucht nach Panama

Am Ende flüchtet der gescheiterte und ausgelachte JP nach Panama, wo er buchstäblich untertaucht, um nun wie Phoenix aus der Asche mit seiner One-Man-Doku-Show wieder aufzutauchen.

Inzwischen ist bekannt, dass der angebliche Karrierewechsel des Schauspielers "die Rolle seines Lebens" sein sollte, die Phoenix zusammen mit Affleck als Co-Autor für einen pädagogisch ambitionierten Mediengag über mehrere Jahre kreiert hat.

Ihre Mockumentary möchte demonstrieren, wie in unserer heutigen Medienwelt die Grenze zwischen Realität und Inszenierung, Dokumentation und Fiktion immer stärker verschwimmt.

Koksendes und cholerisches Rap-Monster

Tatsächlich ist nicht klar erkennbar, ob Phoenix durchgängig die Kontrolle über sein koksendes und cholerisches Rap-Monster JP besessen hat, dessen Ausraster und Lebensbetrachtungen teils sehr komisch wirken, auf Dauer aber zu eintönig sind, um viel mehr als oberflächlichen Klamauk und Showbiz-Klischees zu bieten.

"JP ist für alle da", heißt es einmal. Vor allem aber wohl zum Vergnügen von Phoenix, dem es wiederholt schwer fällt, eine ernste Miene zum eher banalen als bösen Spiel zu bewahren.

Unsere Wertung: Zwei von fünf Sternen

(RP)
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