Kinofilm „Und wer nimmt den Hund?“: Es kommt noch Schwung in die Bude

Kinofilm „Und wer nimmt den Hund?“ : Es kommt noch Schwung in die Bude

Im neuen Kinofilm „Und wer nimmt den Hund?“ lassen Ulrich Tukur und Martina Gedeck genussvoll ein Eheleben eskalieren.

Eigentlich ist die Ehe der Lehnerts ohnehin an einem Tiefpunkt angekommen, auch wenn sie ihren Nachbarn das glückliche Langzeitpaar aus der Hamburger Mittelschicht vorspielen. Beide gehen auf die 60 zu. Die Routine erschlägt Tag für Tag jede spontane Abweichung, und das klärende Gespräch endet stets in der Sackgasse festgefahrener Unterstellungen.

Dann findet Georg (Ulrich Tukur) in einer 30 Jahre jüngeren Arbeitskollegin, die bei ihm promovieren möchte, unerwartet eine Geliebte. Was bei Ehefrau Doris (Martina Gedeck) das Fass zum Überlaufen bringt, zumal ihr der Noch-Ehemann in der Trennungstherapie vorwirft, sie hätte sich zu einer langweiligen Hausfrau und überbehütenden Mutter entwickelt. In Konfrontation mit den Fragen der Therapeutin überschüttet sich das Paar mit verschwiegenen Wünschen, verpassten Chancen, Aufopferungsgefühlen, Gewaltfantasien und Ängsten. Flankiert werden all die Vorhaltungen und Überraschungen von reichlich auseinanderdriftenden Perspektiven auf die gemeinsamen Jahre und das Prozedere, wer denn nun welchen Anteil am gemeinsamen Besitz bekommen solle.

Diese Grundkonstellation funktioniert in Rainer Kaufmanns „Und wer nimmt den Hund?“ wie ein fesselndes Kammerspiel, das sich auf zwei in ihrer jeweiligen Wahrnehmung zu kurz gekommene Charaktere konzentriert. Sie entfaltet im zweiten Teil des Films aber eine Dynamik, die auch in die eingeschlafene Beziehung der beiden allmählich zurückkehrt.

Während die Scheidung unausweichlich scheint, und für den an einem Bandscheibenvorfall leidenden Georg die jüngere Geliebte vor allem körperlich größere Strapazen mit sich bringt, nutzt Ehefrau Doris die Gunst der Stunde und macht sich selbständig. Als sie ihren neuen Lebensweg auch noch mit einem Geliebten garniert, meldet der scheidende Gatte plötzlich Besitzansprüche an und ergeht sich in Eifersuchtsanfällen, die sich ganz bodenständig im Demolieren des Luxuswagens seines Rivalen entladen können.

Ähnlich wie in Roman Polanskis „Der Gott des Gemetzels“ (2011) oder Nancy Meyers’ „Was das Herz begehrt“ (2003) steht der unerwartet enthemmte Schlagabtausch kultivierter Menschen im fortgeschrittenen Alter im Mittelpunkt dieser gut geölten Beziehungskomödie. Regisseur Kaufmann hatte das Genre 1995 mit „Stadtgespräch“ im deutschen Populärkino nachhaltig verankert. 24 Jahre später findet er im Abgesang auf die unausweichliche Monotonie einer Ehe jetzt reichlich komödiantische Momente.

Getragen von den beiden brillierenden Hauptdarstellern Gedeck und Tukur, die schon in „Gleißendes Glück“ auf Augenhöhe gegeneinander kämpften, schäumt Rainer Kaufmann nicht unnötig auf, bleibt auch mit der Kamera stets bei den mal weinend, mal wutentbrannt kriselnden Figuren. Die hören längst die Uhren ihrer Existenzen ticken und wollen die verbliebene Zeit nicht in einem Lügengebäude verbringen.

Im Verlauf der ganz klassisch eskalierenden Auseinandersetzungen wächst das Gefühl des Verlustes, und schließlich setzt sich auch die Einsicht durch, welchen Preis man dafür zahlt. Nicht jedem der Streithähne bekommt das so gut wie gedacht. Ein schönes Geschenk an Gedeck und Tukur und ein Friedensangebot an all jene ist das, die der Unschärfe in Liebesdingen mit einem vielleicht verspäteten, aber dafür beherzten Vulkanausbruch begegnen möchten.

Und wer nimmt den Hund?, Deutschland 2019, von Rainer Kaufmann, mit Martina Gedeck, Ulrich Tukur, Lucie Heinze, Peter Jordan, 93 Minuten

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