"Jersey Boys" von Clint Eastwood: Eine Hommage an den Pop

"Jersey Boys" in den Kinos : Clint Eastwoods Hommage an den Pop

Regie-Altmeister Clint Eastwood erzählt in seinem neuen und sehenswerten Film die Geschichte von Frankie Valli und seiner Band The Four Seasons. Die hatte in den 60er Jahren Hits wie "Bye Bye Baby (Baby Goodbye)".

In der schönsten Szene dieses Films geht Frankie Valli mit einer Frau aus. Sie treffen sich in einen Restaurant, essen gut, unterhalten sich ganz wunderbar, und irgendwann sagt die Frau: "Hast Du ein bisschen Kleingeld?" Frankie schaut verwundert, aber er nickt: Klar hat er Kleingeld. "Gut", entgegnet die Frau, "dann ruf Deine Mutter an. Du wirst heute nämlich spät nach Hause kommen." Sie nimmt seine Hand, zieht ihn hinaus, und nach einem Schnitt sieht man die beiden aus der Kirche kommen — als Braut und Bräutigam.

"Jersey Boys" heißt der neue Film von Clint Eastwood, und er schildert den Aufstieg von Frankie Valli und dessen Band The Four Seasons. Die Gruppe kennt jeder, von den frühen 60er Jahren bis in die 70er hinein veröffentlichte sie Hit an Hit: "Sherry", "Bye Bye Baby (Baby Goodbye)" und "Walk Like A Man" gehören zu den berühmtesten. Eastwood wählte als Vorlage das Musical "Jersey Boys", das 2005 auf dem Broadway Premiere hatte und inzwischen auf der ganzen Welt zu sehen ist.

Der Film mutet zunächst an wie wie eine klassische Scorsese-Produktion: New Jersey, 50er Jahre, Cadillacs und weiße Unterhemden. Im Elternhaus von Frank Castelluccio, der sich später Valli nennt, weil man im Showbusiness nun mal nicht Castelluccio heißen kann, wird auf Italienisch geflucht, und das Bild des Papstes hängt neben dem von Sinatra. Sohn Frankie ist ein Kleinkrimineller, und er hat eine Stimme wie eine Nachtigall. Deshalb muss er bei Einbrüchen Schmiere stehen und singen, wenn ein Polizist auftaucht. Zudem hat der örtliche Mafia-Chef Sinn für die schönen Künste und hält die Hand über Frank. Christopher Walken spielt diesen sentimentalen Mobster, er macht das elegant und mit feiner Selbstironie, und allein seinetwegen lohnt es sich, diesen 135 Minuten langen Film zu sehen.

Am Drehbuch schrieb Marshall Brickmann mit, der war bereits an Woody Allens "Stadtneurotiker" beteiligt, und auch hier lässt er die Darsteller wieder direkt zum Publikum sprechen. Das sorgt für einige schöne Effekte, denn jede Figur hat Gelegenheit, ihre Version der Wahrheit zu erzählen und das Geschehen zu kommentieren: "Do you wanna hear the real story?"

Frank schließt sich dem Variety Trio an, einer lokalen Kapelle, die mit ihm am Mikrofon zum Ereignis wird. Die Gruppe benennt sich in Four Seasons um, und sie stellt den Songschreiber Bob Gaudio an, der genau weiß, welche Lieder zu Frankie Vallis Falsett passen. Was folgt, sind drei Nummer-eins-Hits in Folge. Die Four Seasons machen Musik mit mehrstimmigem Gesang, die man Doo Wop nennt und die man rund um die Uhr an gefährlichen Orten in Problemvierteln spielen sollte, damit keine Morde passieren: Wer sie hört, kann nämlich keine Knarre halten, weil er ständig mit den Fingern schnippen muss.

Clint Eastwood merkt man an, dass er diese Musik mag. Er findet Bilder für diese Klänge, für die Zeit und das Milieu, manchmal wirkt er dabei geradezu überdreht, mitunter ein bisschen albern. Als die Gruppe sich um einen Plattenvertrag bewirbt, gehen die Musiker ins Brill-Building, damals das Hauptquartier der Plattenindustrie. Eastwood lässt die Kamera an der Fassade des Hochhauses entlanggleiten, und in jedem Stockwerk sieht man einen Künstler aus einem anderen Genre vorsingen: Folk, Rock 'n' Roll, Country. An anderer Stelle kämpft Bob Gaudio um Inspiration, ihm mag kein neuer Song einfallen. Die anderen schauen derweil den Film "Reporter des Satans" von Billy Wilder im Fernsehen, und Gaudio kommt just in dem Moment dazu, da Kirk Douglas seiner Filmpartnerin Jan Sterling eine Backpfeife gibt. Gaudio zuckt zusammen, "die Arme", sagt er, aber die anderen meinen: "Big Girls Don't Cry". In der nächsten Szene singt die Band den Titel auf der Bühne.

Wer nur ins Kino geht, weil das der neue Eastwood ist, wird womöglich enttäuscht sein. Der 84-jährige Regisseur baut verwirrende Rückblenden ein, die das Tempo drosseln, er erzählt nicht so straight wie in seinen besten Arbeiten, und mancher Dialog hätte ohne Verluste gestrichen werden können. Auch Hauptdarsteller John Lloyd Young dürfte nicht jedem gefallen. Er grimassiert sehr viel, will jede Gefühlsregung überdeutlich sichtbar machen. Dennoch ist das vor allem für diejenigen ein großartiges Kinoerlebnis, die wissen wollen, wie das geht: das richtige Lied zu rechten Zeit veröffentlichen, als Gruppe kreativ sein, Massen begeistern.

Natürlich gibt es auch bei den Four Seasons Streit, es geht ums Geld, das ist nämlich weg. Und Frankies Ehe ist bald auch nicht mehr so leidenschaftlich wie sie begann, sondern kaputt. Als seine Tochter stirbt, ist der Tiefpunkt erreicht. Es ist Winter, Valli sitzt in einem Diner, er hat kein Geld, aber der alte Freund Bob Gaudio kommt herein, setzt sich, reicht ihm einen Umschlag, und darin ist ein neuer Song: "Can't Take my Eyes Off You". Welthit, Evergreen: 1990 werden Valli und die Seasons in die Rock 'n' Roll Hall Of Fame aufgenommen.

Eastwood hatte über den Vorspann die ersten Takte von "December, 1963 (Oh What A Night!)" gelegt, das Lied aber vor der ersten Strophe ausgeblendet. Am Ende lässt er es weiterlaufen, die Seasons singen es zum Abspann auf der Straße. Es ist wie in der "West Side Story", alle Figuren reihen sich ein in den Triumphmarsch. Der Coolste von allen ist jedoch Christopher Walken, er deutet Bewegungen nur an, das ist mehr Schweben als Grooven, und es ist unfassbar toll anzusehen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Clint Eastwoods Pop-Hommage "Jersey Boys"

(RP)
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