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"Wir sind die Millers" mit Jennifer Aniston im Kino: Hier strippt Mutti noch selbst

"Wir sind die Millers" mit Jennifer Aniston im Kino : Hier strippt Mutti noch selbst

Die "Friends"-Darstellerin Jennifer Aniston spielt in der Komödie "Wir sind die Millers" eine Bar-Tänzerin, die sich als biedere Mutter ausgibt, um Drogen zu schmuggeln. Eine gelungene Persiflage auf den amerikanischen Traum von der heilen Familie.

Natürlich will sie nicht. Rose verspürt keinerlei Neigung, mit ihrem Drogendealer-Nachbarn David, der schnippischen Obdachlosen Casey und dem verkorksten Teenager Kenny in einen hausgroßen Luxuswohnwagen zu steigen und als Familie getarnt über die mexikanische Grenze zu kutschieren.

Aber die Stripperin ist pleite, ihre Wohnung ließ der Vermieter versiegeln, und eine Familie ist die beste Tarnung für einen Drogenkurier. Also zieht Rose Blüschen und Caprihose an, striegelt die Haare zum Pferdeschwanz und steigt zu den Verlorenen ihres Viertels in den Bus. Die heile Familie ist perfekt.

Nun beginnt ein Roadtrip mit den erwartbaren Schwierigkeiten: Der Drogendeal in Mexiko geht schief, das Wohnmobil bleibt liegen und die Familiendarsteller beherrschen ihre Rollen schlecht.

Nur Rose hat ihre Aufgabe im Griff: Als sich ihre Kinder noch vor dem Anflug zum letzten Ort vor der mexikanischen Grenze in einem Jargon streiten, der kaum zu ihrer Mittelklasse-Verkleidung passt, und die Stewardess misstrauisch wird, ergreift Rose beherzt die Hände ihrer Lieben und beginnt ein inbrünstiges Gebet im Stil amerikanischer Fernsehprediger. Da kommen der Stewardess die Tränen.

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Böse Karikatur des amerikanischen Mittelklasse-Ideals

Das Reizvolle an der Komödie "Wir sind die Millers" ist also nicht die Handlung mit ihren kleinen und größeren Katastrophen und schnellen Gags, es ist die böse Karikatur des amerikanischen Mittelklasse-Ideals, des Traums von der unschuldigen Familie mit tiefgläubiger, aber durchaus temperamentvoller Mutter, sportlichem Vater, süßer Teenie-Tochter und gutmütigem Sohn, der das Küssen erst noch lernen muss. Weil in dieser Komödie die perfekte Familie nur gespielt ist, wird das Klischee überdeutlich.

Gerade wenn die getarnten Drogenkuriere ihre Rollen mal ohne Ausfälle hinbekommen, wirken sie besonders künstlich. Der Zuschauer ist dann fast erleichtert, wenn ihnen wieder mal ein Fluch rausrutscht oder sie sich aufrichtig streiten, weil sie dann für kurze Zeit nicht wirken wie zum Leben erweckte Barbiepuppen.

Jennifer Aniston blüht in der Rolle als Mutter der Kompanie auf. Sie kennt sich aus mit Klischeefiguren, verdankt sie ihren Ruhm doch einer Rolle, die sie ein komplettes Jahrzehnt verkörpert hat: Sie war die süße, verwöhnte, leicht hysterische Rachel in der Sitcom "Friends".

Auch diese Serie ist nicht nur komisch, weil sie viele Gags sehr schnell aneinanderreiht und dem Zuschauer das wohlige Gefühl gibt, Teil einer gemütlichen WG zu sein, deren Bewohner nicht erwachsen werden wollen.

"Friends" hat zehn Jahre so gut funktioniert, weil darin Klischeefiguren perfekt inszeniert und dann mit großer Lust gebrochen werden. Aniston gab die hübsche höhere Tochter mit neurotischer Note, die von der gesamten WG beneidet und von den Männern begehrt wird.

Strippen bis die Funken fliegen

Sie hat das ideal gespielt, sympathisch, überdreht, selbstzweiflerisch, das lud zur Identifikation ein. Denn Rachel war zugleich das perfekte amerikanische Mädchen und ein wenig neben der Spur, nicht wirklich verrückt, nur so weit, dass sie individuell wirkte.

In "Wir sind die Millers" ist es die Vergangenheit als Stripperin, die Anistons Figur interessant macht. Sie ist Mutter wider Willen, hat aber das weite Herz, das diese Rolle in Wahrheit auszeichnet. Nur ist sie eben kein langweiliges Heimchen aus dem Bibelbelt, obwohl sie versucht, so zu tun, sondern Erotik-Expertin.

Einmal darf sie das im Film auch zeigen. In höchster Not lenkt sie einen der mexikanischen Drogenbosse ab, indem sie in einer Autowerkstatt strippt, bis die Funken sprühen. Das ist nicht die stärkste Episode in diesem Film, aber Peinlichkeit ist ja Teil des Konzepts. Und die romantische Verklärung von Prostituierten zu besonders patenten Frauen hat schon bei "Pretty Woman" bestens funktioniert.

Natürlich rauft sich die heterogene Drogendealer-Sippe im Laufe ihrer Flucht vor den Mexikanern zusammen. Aus den sozialen Außenseitern wird eine geläuterte Patchwork-Familie. Damit erfüllt sich am Ende einer Komödie, die sehr unterhaltsam mit den Stereotypen des amerikanischen Traums spielt, das eigentliche Klischee: Jeder kann es schaffen in den USA, selbst eine Stripperin, ein Drogendealer, eine freche Obdachlose und ein dumpfer Teenager können eine vorbildliche Familie abgeben.

Sie müssen nur mal zum Friseur und einsehen, dass man gemeinsam besser über die mexikanische Grenze kommt. Das ist die verbindende Kraft des amerikanischen Traums. Die soziale Prognose ist gut, solange alle an dieses Märchen glauben.

(RP)