Film-Kritik: Herr der Diebe: Flache Abenteuer

Film-Kritik : Herr der Diebe: Flache Abenteuer

Auch Kinder würden gerne mal abhauen, ganz woanderhin. Am liebsten in den Süden und mit den Taschen voller Geld. Den ersten Teil dieses Traums erfüllen sich die beiden Waisenjungen Prosper und Bonifatius in der Kinderkomödie "Herr der Diebe". Ihre Reise mit dem Zug führt sie ins schöne Venedig.

Der ältere Prosper kümmert sich liebevoll um den kleinen kranken Bo, seinen Bruder, und klaut eher aus Versehen aus einer Apotheke einen Hustensirup. Auf der Flucht vor der Polizei hilft ihnen Scipio, Anführer einer Kinderbande, die in einem aufgegebenen Kino untergeschlüpft ist. Die Kinder halten sich durch Diebstähle im Auftrag des Antiquitätenhändlers Barbarossa über Wasser. Als er von ihnen verlangt, die hölzerne Schwinge einer geflügelten Löwenfigur zu beschaffen, geraten die sechs Freunde in ein fantastisches Abenteuer.

Der Roman "Herr der Diebe" (2000) wurde in 23 Sprachen übersetzt und machte Cornelia Funke, die von der "Times" zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten des Jahres 2005 gezählt wurde, international bekannt. In 15 Jahren und mit 40 Kinderbüchern hat sich die Westfälin still und zäh zum Literatur-Star hochgeschrieben, deren Schmöker "Tintenherz", beziehungsweise "Tintenblut" auch in diesem Jahr unter vielen Christbäumen lagen. Mit der "Harry Potter"-Schöpferin Joanne Rowling, mit der sie oft verglichen wird, teilt sie aber nur das Phänomen, dass ihre Bücher auch von Erwachsenen verschlungen werden.

Hölzerne Figuren fahren Zeit-Karussell

Doch im Gegensatz zu Potter-Fans dürften die Leser von dieser unbedarften ersten Funke-Verfilmung von Richard Claus, der bisher als Filmproduzent auftrat, eher enttäuscht sein. Zwar ruft die Inszenierung pflichtschuldig die Stationen der Abenteuergeschichte ab, doch die Charaktere sind so eindimensional, dass zumindest Nichtleser ihre Motive kaum begreifen. Das Doppelleben Scipios, der vor seinem reichen, herzlosen Vater flieht, wird ebenso oberflächlich abgebildet wie das zickige Adoptiv-Ehepaar Hartlieb, das den kleinen Bo, warum auch immer, unbedingt zurück haben will und den Brüdern den gemütvollen Detektiv Victor auf die Fersen hetzt.

Dass das dramaturgische Potenzial kaum entfaltet wird, ist umso bedauerlicher, weil Funke in ihren Büchern nie Schwarz-weiß-Malerei betreibt, auf Gewalt verzichtet und jeden Fiesling in eine absolutierende Hintergrundstory einbettet. So passiert auch filmisch nichts Gruseliges, außer das mit Hilfe eines magischen Zeit-Karussells aus biestigen Erwachsenen ausgebuffte Kinder werden. Und wo der auf Englisch gedrehte Film jedes zarte Gefühl mit orchestraler Musiksoße erdrückt, da ließ sich wenigstens bei den Schauplätzen nichts kaputt machen. Mit Gässchen, Palästen und Vaporettos (Wassertaxi) kommt unaufdringlich venezianischer Zauber ins Spiel. Und wenn sich per Computer-Morphing mal kurz der Markusplatz-Löwe räkelt, entsteht ein Anflug jener Magie, die im Buch den Alltag untermalt.

So ist selbst dieses plumpe Werk vom Funke-Touch beseelt. Es wäre ein Armutszeugnis für die hiesige Branche, wenn jene speziell deutsche Romantik, philosophietrunkene Behäbigkeit und Gefühligkeit (und auch Humorlosigkeit), mit der sich Funkes Bücher von anderen Kinderbestsellern unterscheiden, nur in amerikanischen Produktionen überlebte. Demnächst lassen sich zwei Versionen vergleichen: Im Februar startet die deutsche Produktion "Die wilden Hühner", und in den USA wird "Tintenherz" gedreht. Ob die Hollywood-Profis es besser machen oder "Tintenherz" mit Tempo und Special Effects zum Mainstream aufmotzen, bleibt abzuwarten.

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(ap)