Kino-Kritik: Gespenster: Suche nach verlorenen Seelen

Kino-Kritik : Gespenster: Suche nach verlorenen Seelen

"Gespenster" sind diejenigen, vor denen man Angst hat, weil sie einem vielleicht ähnlicher sind, als man glaubt. Von "Gespenstern" der Vergangenheit handelt auch der neue Film von Regisseur Christian Petzold: Ein verschwundenes Mädchen und ihre verlorene Seele erzählen eine traurige und sehr poetische Geschichte.

Dabei wird der Film wohl kaum eine Chance auf einen Kassenerfolg haben. Er wird also im Jahr der Kinokrise nicht unbedingt der willkommenste Gast auf den Leinwänden sein. Doch die Filmkultur in diesem Land wäre ärmer ohne diese geheimnisvolle Geschichte von drei Frauen in Berlin. In poetischen, meist schwermütigen Bildern und Szenen steht das Schicksal der jungen Nina im Mittelpunkt.

Nina ist ein Waisenkind, das in einem betreuten Wohnprojekt untergebracht ist und einer ungeliebten Beschäftigungsmaßnahme entflieht. Sie lernt dabei die lebenstüchtige Herumstreunerin Toni kennen. Ninas tiefe Sehnsucht nach einer Freundin und etwas Liebe scheint sich zu erfüllen. Doch die zufällige Begegnung mit der Französin Francoise verwirrt sie. Diese Francoise wohnt mit ihrem sehr fürsorglichen Mann in einem Luxushotel am Potsdamer Platz. Sie ist auf der quälenden Suche nach ihrer als Kleinkind verschwundenen Tochter Marie. In Nina glaubt sie diese gefunden zu haben. Auch als sie von Toni bestohlen wird und Nina das duldet, lässt sich die Französin nicht beirren.

Der 44-jährige Petzold gehört seit seinen Werken „Die innere Sicherheit“ und „Wolfsburg“ zu den herausragenden Künstlern des deutschen Kinos. Er dreht sehr bewusst keine Filme fürs Massenpublikum, darin macht auch „Gespenster“ keine Ausnahme. Seine Regieführung gibt den Schauspielern viel Raum zur Mitgestaltung, die Dramaturgie will die Fantasie der Zuschauer beflügeln, nicht überrumpeln oder gar erschlagen.

Ein „trauriger“ Film der leisen Töne

„Gespenster“ konfrontiert mit Geheimnissen und Sehnsüchten. Die Bilder von Berlin sind weit weg von allen konventionellen Sichtweisen auf die Stadt. Petzold bezog die Idee für den Film aus zwei Quellen: Da waren einmal Bilder von verschwundenen Mädchen aus Belgien und Frankreich, die der Regisseur bei einer Reise in die Ardennen auf dem Plakat in einem Postamt sah. Und da war das düstere Märchen „Das Totenhemdchen“ der Gebrüder Grimm, das er im Vorjahr seiner kleinen Tochter vorgelesen hatte.

Petzold, der das Drehbuch wieder mit Harun Farocki verfasste, hat diese Quellen des Films zu rätselvoll schwebenden Bildern verwoben. Schauplatz des Films ist meist der Tiergarten unweit des mit moderner Architektur überfrachteten Potsdamer Platzes, den Petzold selbst „als Raumstation ohne soziale Anbindung“ empfindet. Jenseits, doch ganz in der Nähe dieser „Raumstation“ suchen Menschen ihre Identität und das Verlorene.

Die zarte Julia Hummer als Nina spielt anrührend ein scheues Mädchen am Rand der Gesellschaft. Die 24-jährige war bereits in Petzolds „Die innere Sicherheit“ aus dem Jahr 2000 dabei. Die gebürtige Bernerin Sabine Timoteo überzeugt als Herumstreunerin Toni. Marianne Basler aus Paris verkörpert die verzweifelte Mutter, die nicht akzeptieren will, ihr Kind verloren zu haben. Mit dabei sind auch Benno Fürmann und der Franzose Aurélien Recoing als fürsorglicher Ehemann von Francoise.

„Gespenster“ war bereits im Februar im Wettbewerb der Berlinale zu sehen gewesen und hatte dort viel Anerkennung gefunden. Es ist ein Film der leisen Töne, tiefen Gefühle und der Sehnsucht nach Nähe. Es ist, wie Petzold selbst sagt, ein „trauriger Film“.

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(apbackup)