First Man – Film-Kritik zum Oscar-Favoriten 2019 mit Ryan Gosling

Neu im Kino : Der Mann im Mond

Ryan Gosling spielt in „Aufbruch zum Mond“ Neil Armstrong – einen zurückgezogenen Helden, der seine Gefühle nicht zeigen kann.

Alle Alarmlichter im Cockpit leuchten. Der Höhenmeterzähler rattert unkontrolliert nach oben. Die Pilotenkabine wird durchgeschüttelt. Flammen vor dem Fenster. Doch dann plötzlich mit einem Mal: Ruhe. Das Raumgefährt hat die Atmosphäre durchdrungen und gleitet dahin. Der Blick von oben auf die Erde ist berauschend – bis die Nase sich wieder nach unten neigt und das Flugzeug erneut in den Strudel der Erdatmosphäre gerät. Die erste Szene von Damien Chazelles „Aufbruch zum Mond“ ist sicherlich für Flugangstkandidaten nicht geeignet. Aus der unfreiwilligen Kopilotenperspektive wird das Publikum zum Zeugen eines Testfluges, den Neil Amstrong 1961 mit dem raketengetriebenen Flugzeug X-15 unternommen hat. Hautnah wird im Kinosessel die Gefahr spürbar, der sich der Pilot und spätere Astronaut ausgesetzt hat, unterbrochen von einem Moment der Ruhe und Poesie, in dem aus dem Weltall auf das irdische Dasein geschaut wird.

Diese Eröffnungsszene ist spektakulär und gleichzeitig ein Bekenntnis zur radikalen Subjektivität, mit der Chazelle auf das Leben jenes Menschen blickt, der als Erster einen Fuß auf den Mond gesetzt hat. Ryan Gosling, der für Chazelle schon in „La La Land“ vor der Kamera stand, spielt Neil Armstrong als introvertierte Ingenieursseele. Ein scheinbar stoischer, wortkarger Kerl, der auch in Krisensituationen die Nerven behält, aber ganz und gar nicht dem Klischee eines furchtlosen Weltraumfliegers entsprechen will.

Als seine Tochter im Alter von zwei Jahren an einem Hirntumor stirbt, frisst der Vater die Trauer in sich hinein und vergräbt sich in seine Arbeit. Der wissenschaftliche Fortschritt, der seine Tochter nicht retten konnte, ist auf dem Sprung ins Weltall. Schließlich wird Armstrong als einer der wenigen Zivilisten bei der NASA angenommen und für das Mondprogramm „Gemini“ berufen, was für ihn und seine Frau Janet (Claire Foy) auch als ein neuer Start ins Leben gesehen wird. Aber bis die Apollo 11 den Mond erreicht und Armstrong am 21. Juli 1969 dort den Fuß auf den staubigen Boden setzt, ist es ein weiter Weg, der von Fehlversuchen und tragischen Verlusten gekennzeichnet ist.

Gosling gelingt es auf subtile Weise die Ängste hinter der stoischen Fassade des Astronauten sichtbar zu machen. Sein Held gehört einer Männergeneration an, die darauf konditioniert wurde, Gefühle für sich zu behalten. Nur auf massiven Druck seiner Frau nimmt Armstrong vor der Reise zum Mond Abschied von seinen Kindern und erklärt ihnen in wissenschaftlicher Emotionslosigkeit das Unternehmen. Eine solche Szene könnte die Figur denunzieren, und es ist Goslings differenziertem Spiel zu verdanken, dass man den Sturm der Gefühle erahnt, der hinter der Fassade der Furchtverleugnung tobt. Jenseits langweiliger Heldenklischees vermittelt der Film ein Gefühl für den kalkulierten Wahnsinn der Mission, deren verschwenderisches Budget damals angesichts der sozialen Misere in den amerikanischen Großstädten sehr umstritten war. Gezielt verzichtet Chazelle mit seiner streng subjektiven Erzählhaltung darauf, die Mondlandung als patriotischen Mythos zu inszenieren.

Dass man nicht sieht, wie die US-Flagge in den Boden gerammt wird, brachte dem Film massive Kritik aus der rechten America-First-Ecke ein. Stattdessen fährt Chazelle im Finale allen cineastischen Hokuspokus zurück und zeigt ohne Musikuntermalung in vollkommener Ruhe jenen unwirklichen, poetischen Moment, den damals die ganze Welt gebannt am Fernseher verfolgt hat – und der auch heute im Kino nichts von seiner Faszination eingebüßt hat.

Aufbruch zum Mond USA 2018, FSK 12, von Damien Chazelle, mit Ryan Gosling, Claire Foy, Pablo Schreiber, 142 Min.

Mehr von RP ONLINE