Film-Kritik zu Three Billboards Outside Ebbing, Missouri: Oscar-Gewinner 2018 mit Sam Rockwell

"Three Billboards Outside Ebbing, Missouri": Ein Städtchen sieht rot

Vorschau auf den Oscar-Favoriten 2018: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Der Oscar-Favorit "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" erzählt von dem Rachefeldzug einer Mutter im US-amerikanischen Hinterland.

Die drei Plakatwände stehen am Rande einer Straße, auf der kaum noch ein Auto entlangkommt. Von der Werbung aus vergangenen Jahrzehnten sind nur noch Bruchstücke der Slogans zu erkennen. Als Mildred ( Frances McDormand) daran vorbeifährt, hält sie an, setzt zurück und sieht in den drei hölzernen Reklametafeln auf der nebligen Wiese eine Chance.

Eine Chance, ihre Wut zu zeigen, die sie zu verzehren droht. Eine Chance, etwas in Bewegung zu bringen in der Kleinstadt Ebbing im US-Bundesstaat Missouri, die den gewaltsamen Tod ihrer Tochter nach nur sieben Monaten vergessen zu haben scheint. Sie mietet die Plakatwände für teures Geld, und am nächsten Tag ist darauf in riesigen, schwarzen Buchstaben auf knallrotem Grund zu lesen: "Im Sterben vergewaltigt" und "Immer noch keine Festnahme" und "Wie kommt's, Chief Willoughby?"

Nach einem solchen Filmauftakt erwartet man ein Gerechtigkeitsdrama um verfehlte Polizeiarbeit. Aber Martin McDonaghs "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" ist sehr viel mehr. Vor allem tut dieser Film zu keiner Minute das, was man von ihm erwartet. Nicht weil McDonaghs brillantes Drehbuch mit verwinkelter Plotakrobatik auftrumpft, sondern weil die Menschen in diesem kleinstädtischen Mikrokosmos uns immer wieder aufs Neue überraschen.

Polizeichef Willoughby ( Woody Harrelsen) etwa ist keineswegs der untätige Provinz-Cop, wie es die schwarzroten Anschuldigungen vermuten lassen. Wenn er bei Mildred vor der Tür steht, kann er glaubhaft ausführen, dass er alles in seiner Macht Stehende getan hat, um den Mörder ihrer Tochter zu finden. Aber für Mildred wird das nie genug sein. "Dann lass das Blut von jedem Mann im Land untersuchen", sagt sie zu ihm und zeigt sich vollkommen unbeeindruckt, als Willoughby ihr erzählt, dass er an Krebs erkrankt ist und nicht mehr lange zu leben hat.

Kleine, großartige Momente

In ihrem blauen Overall wirkt Schauspielerin McDormand wie eine verhärmte Rachekämpferin, die allein von Wut- und Schuldgefühlen angetrieben wird. Aber auch dieses Bild wird wieder aufgeknackt, als der Polizist wenig später mitten im Gespräch hustet und die Blutspritzer in Mildreds Gesicht landen. Als hätte das Blut eine Wand durchbrochen, schaut Mildred ihren Gegenüber von dem Schreck überrumpelt erstmals wie einen Menschen und nicht wie einen Gegner an. Polizist Willoughby entschuldigt sich. "Das war keine Absicht", sagt er. "Ich weiß, Baby" antwortet Mildred knapp, aber mit diesen drei Worten öffnet sich für einen kurzen, vollkommen unpathetischen Moment das schwere Tor zu ihrer Seele.

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Es sind diese kleinen, großartigen Momente, aus denen "Three Billboards" gearbeitet ist. Mit der Anklageschrift der wütenden Mutter beginnt der Film die kleinstädtische Südstaatenwelt aufzubrechen, die auch von politischen Frontlinien durchzogen ist. "Was macht das Nigger-Folter-Geschäft?", begrüßt Mildred mit gewohntem Sarkasmus den rassistischen Polizisten Dixon (Sam Rockwell). Der junge Kerl scheint all seine Emotionen nur durch Gewalt ausdrücken zu können und lebt noch bei seiner Mutter, die ihn in seiner rechten Gesinnung bestärkt. Als er nach dem Tod seines Chefs einen vermeintlich schwulen städtischen Bediensteten einfach aus dem Fenster wirft, wird er schließlich vom Dienst suspendiert.

Ein Typ wie Dixon, den Sam Rockwell mit schillerndem Mut zur Lächerlichkeit spielt, muss buchstäblich erst durchs Feuer gehen, um sich selbst spüren zu können. Aber auch er muss nicht bleiben, wer er ist. Natürlich spiegeln sich in Ebbing, Missouri, die Polarisierungen der US-Gesellschaft der Ära Trump und sogar die aktuelle Diskussion um sexuelle Gewalt wider. Aber solche Meta-Ebenen trägt der Film nicht vor sich her. Dafür liegen ihm - und am Ende auch uns - die Figuren zu sehr am Herzen, die nicht zu Statthaltern politischer Botschaften degradiert werden.

Hauptdarstellerin Frances McDormand überragt

Der irischstämmige Regisseur McDonagh erdet das hochdramatische Geschehen lieber mit jenem tiefschwarzen Humor, der schon seine Vorläuferwerke wie "Brügge sehen . . . und sterben" oder "7 Psychopaths" auszeichnete. "Three Billboards" ist ein Meisterwerk, das vollkommen ohne Attitüde auskommt. Dialoge, halsbrecherische Dramaturgie, Schnitt, Musik - einfach alles ist hier ungeheuer präzise und dennoch mit vermeintlicher Leichtigkeit gearbeitet.

In nahezu jeder Kategorie hätte der Film eine Oscar-Nominierung verdient, aber allen voran gehört die umwerfende Frances McDormand nach dem Golden Globe auch mit einem Academy-Award ausgezeichnet. Es ist ihre beste Rolle seit "Fargo", in der sie als Trauer-Schmerzens-Rache-Mutter mit nur einem Blick ein ganzes Universum widerstrebender Emotionen auf die Leinwand bringt. Aber eigentlich braucht ein Film wie dieser gar keine Oscars. "Three Billboards" wird auch so in die Filmgeschichte eingehen und noch in Jahrzehnten nichts von seiner cineastischen Spannkraft verloren haben.

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, Großbritannien/USA 2017, von Martin McDonagh, mit Frances McDormand, Woody Harrelson, Sam Rockwell, 116 Minuten

(RP)