Film-Kritik zu "Die dunkelste Stunde" - Oscar-Gewinner 2018 mit Gary Oldman

"Die dunkelste Stunde": Churchill menschlich gesehen

"Die dunkelste Stunde" porträtiert den früheren britischen Premierminister.

Wahrscheinlich ist es nur eine auffällige Zufälligkeit, dass sich das britische Kino in Zeiten, in denen sich das Vereinigte Königreich wirtschaftlich selbst isoliert und innerlich gespalten ist, verstärkt an den historischen Moment des Zusammenhalts während des Zweiten Weltkrieges erinnert. Dabei ist zuletzt vor allem Winston Churchill im Fokus der retrospektiven Betrachtungen. Jonathan Tepletzkys Biopic "Churchill" mit Brian Cox in der Titelrolle beschäftigte sich etwa mit den Skrupeln des Premiers in den Tagen vor der Landung in der Normandie.

Nun folgt mit Joe Wrights "Die dunkelste Stunde" ein Film, der den frisch ernannten Premierminister durch jene Tage im Mai 1940 begleitet, als deutsche Truppen Frankreich und Belgien erobert hatten und die Reste der britischen Armee in Dünkirchen festsaßen. Damit ist der Film ein Gegenstück zu Christopher Nolans "Dunkirk", der gerade erst die legendäre Evakuierung durch eine zivile Bootsflotte aus der Soldatenperspektive ins Cinemascope-Format gebracht hat.

Gary Oldman spielt mit kunstvoller Gesichtsmaske den Vollblutpolitiker, der schon als Kind davon geträumt hat Staatsoberhaupt zu werden. "Das ist kein Geschenk" sagt er zu seinem Vertrauten Anthony Eden (Samuel West) nach seiner Ernennung "das ist Rache". Er weiß, dass er nach der Absetzung des Pazifisten Chamberlains (Ronald Pickup) das Ruder eines sinkenden Schiffs übernimmt. Die Berichte von der Front in Belgien und Frankreich sind niederschmetternd, die Zerstörung der westlichen Zivilisation durch die Nazi-Barbarei eine realistische historische Option. Die politischen Gegner sind zahlreich und mächtig.

Zielstrebig arbeitet sich Gary Oldman in die volle Bandbreite der Emotionen dieser schillernden historischen Figur. Er zeigt Churchill als Choleriker, Alkoholiker, begnadeten Multitasker, als ebenso depressiven wie temperamentvollen Gefühlsmenschen und pragmatischen, wortgewandten Machtpolitiker. Seinen Golden Globe hat sich Oldman für diesen Part redlich verdient und gleichzeitig ist die geniale Performance auch das Problem des Films, der der Faszination Churchills erliegt und alle anderen Figuren kaum aus dem Schatten heraustreten lässt.

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Zwar sollen die schwierigen politischen Entscheidungsprozesse im Angesicht eines nahenden Untergangs verdeutlicht werden, aber der Film findet nicht wirklich aus der allwissenden Position der historischen Distanz heraus. Auch die Beziehung Churchills zu seiner Frau Clementine hätte durchaus eine Vertiefung vertragen, gerade wenn man dafür eine Schauspielerin wie Kristin Scott Thomas unter Vertrag nimmt.

Von einem Regissieur wie Joe Wright, der der Filmgeschichte "Stolz und Vorurteil" geschenkt hat, hätte man eine offenere erzählerische Perspektive erwartet. Und so ist aus "Die dunkelste Stunde" ein interessantes, aber auch sehr konventionelles Biopic geworden.

Die dunkelste Stunde, Großbritannien 2017 - Regie: Joe Wright, mit Gary Oldman, Kristin Scott Thomas, 126 Min.

(RP)