Kino-Kritik: Ein Junkie als Vaterersatz

Kino-Kritik : Ein Junkie als Vaterersatz

Düsseldorf (RP). Brian wird ermordet, weil er verhindert, dass eine Frau am Straßenrand totgeprügelt wird. Er war nicht nur ein Muster an Zivilcourage, sondern auch ein vorbildlicher Ehemann und Vater, wie in vielen Rückblenden gezeigt wird. Seine Verklärung zu einem makellosen Helden soll das Ausmaß der Trauer verdeutlichen, in die zwei Menschen versinken: Audrey, seine schöne Witwe, und Jerry, sein in die Drogenszene abgerutschter Freund, den er nie im Stich ließ.

Susanne Bier, die dänische Regisseurin, hat sich mit ihren Filmen über familiäre Zerreißproben einen Namen gemacht. Sie kann sogar aus einer steril konstruierten Versuchsanordnung ein mitreißendes Melodram machen. Auch in "Things We Lost in the Fire", ihrer ersten amerikanische Regie-Arbeit, konzentriert sie sich ganz schnörkellos auf ihre Darsteller. Ihre beiden Stars werden ausgeforscht in so detailverliebten Großaufnahmen, als ob alle Gefühlsnuancen bis in jede Pore von Halle Berrys Haut und bis in die blutunterlaufenen Augäpfel von Benicio Del Toro verfolgt werden müssten.

Halle Berry hat den schwierigeren Part. Als Audrey, die von keinerlei finanziellen Sorgen geplagte Witwe, kämpft sie gegen Trauer und Einsamkeit in einem Traumhaus am Rand einer Großstadt in Nordamerika. Das macht sie launisch und unberechenbar. Benicio Del Toro, der gerade in Cannes als "Che" preisgekrönte Puertorikaner, sorgt für kräftige Kontraste. Als Jerry, der verwahrloste Drogensüchtige, taucht er bei der Beerdigung seines besten Freundes auf. Sie hat nie verstanden, dass sich ihr Mann, in unerschütterlicher Freundestreue um dieses Wrack kümmerte. Sie konnte ihn nie leiden, eröffnet sie ihm — und überrascht ihn dann mit der Aufforderung, in die Gästewohnung über der Garage einzuziehen.

Audrey sucht Jerrys physische Nähe bis zur Peinlichkeit — bis zu seinem ängstlichen Zurückweichen vor der Versuchung, in ihrem Bett den Platz des toten Freundes einzunehmen. Das rührt sie. Doch als ihre beiden Kinder den neuen Onkel wie eine verbesserte Version des toten Vaters feiern, wird sie wütend und schmeißt ihn raus.

Jerrys Odyssee zwischen Wohlstand und Obdachlosenasyl, zwischen Sucht und Entzug, zwischen Vagabundenleben und neuem Anlauf zu einer bürgerlichen Existenz schafft Benicio Del Toro mit einer mühelosen, stets auf sparsamste Mittel bedachten Wandlungsfähigkeit. Halle Berry dagegen bleibt auch in Trauer so schön, dass sie in ihren Anfällen kalter Feindseligkeit glaubhafter wirkt als in ihren Bemühungen um Mitgefühl. Sie holt den verstoßenen Jerry zwar zurück in ihr Haus, aber nicht in ihr Bett. Denn Susanne Bier ist eine Regisseurin, die auch in klischierten Hollywood- Milieus auf den Realismus der Gefühle achtet.