Kino-Kritik: Dunkelblaufastschwarz: So sinnlich wie Almodovàr

Kino-Kritik : Dunkelblaufastschwarz: So sinnlich wie Almodovàr

Sind die Socken nun dunkelblau oder schwarz? Nicht immer lässt sich diese Frage so eindeutig beantworten, und auch der junge Jorge (Quim Gutiérrez) ist sich nicht so sicher, ob diese Dinger zu jenem dunkelblauen Anzug passen würden, den er sich fast täglich im Schaufenster eines teuren Madrider Modegeschäftes ansieht und mit dem der studierte Betriebswirt gerne beim Vorstellungsgespräch Eindruck schinden würde.

In "Dunkelblaufastschwarz", dem Debütfilm des spanischen Regisseurs und Drehbuchautoren Daniel Sánchez Arévalo, wird diese Unsicherheit in der Sockenfarbe und die dadurch ausgelöste Unentschlossenheit auch zur Metapher für den Schwebezustand, in dem sich das Dasein der Hauptfigur befindet. Seit vielen Jahren kümmert sich Jorge rührend um seinen mürrischen, pflegebedürftigen Vater, der einst einen Schlaganfall erlitten hat, für den sich der Sohn schuldig fühlt. Statt mit dem Diplom in der Tasche an seiner beruflichen Karriere zu basteln, schiebt Jorge als Hausmeister Mülleimer vor die Tür und träumt derweil von einem selbstbestimmten Leben, vom Eintritt ins Reich der gläsernen Bürotürme.

Weil der junge Mann aber nie gelernt hat, sich gegenüber anderen durchzusetzen, nickt er auch nett, als sich sein im Knast sitzender Bruder Antonio (Antonio de la Torre) mit einer ungewöhnlichen Bitte an ihn wendet. Weil sich dessen ebenfalls im Gefängnis hockende Freundin Paula (Marta Etura) sehnlichst ein Baby wünscht, um in den geschützten Bereich der Mutter-Kind-Station aufgenommen zu werden, soll Jorge für seinen zeugungsunfähigen Bruder einspringen, im kalten, nüchternen Besucherraum der Strafanstalt.

Drei Goyas, den spanischen Oscar, erhielt Arévalo für seine weise Tragikomödie, die von vielen Kritikern bereits mit den Filmen von Pedro Almodovár verglichen wurde. Was zum Teil auch zutrifft. Rund um den zögerlichen Zauderer Jorge hat Arévalo, der einst selbst Betriebswirtschaft studierte, noch eine Reihe weiterer kurioser Charaktere gesponnen, deren Seelenzustände sich in ähnlicher Schieflage bewegen, die also nicht so recht wissen, wo sie hingehören und welchen Lauf ihr Leben nehmen soll. Wie Almodovár versteht es Arévalo dabei, dramatische wie komische Momente ineinanderfließen zu lassen und dem Ganzen bei aller Leichtigkeit eine Tiefe zu verleihen, die mitten ins Herz trifft.

Doch trotz gewisser Ähnlichkeiten mit dem großen Meister entwickelt der Regie-Neuling in seinem Erstling einen prägnanten eigenen Stil, der weniger grotesk geprägt ist als bei Almodovár und eher realistisch die Gefühlswelt junger Menschen einfängt. Nach 105 klugen wie kurzweiligen Minuten endet die sehnsüchtige Suche von Jorge nach dem, was glücklich macht. Dabei hätte man diesem sympathischen Helden und seinem Ringen mit dem eigenen Schicksal noch gerne weiter zugesehen.

(RP)
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