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Kino-Kritik: Die Zeit die bleibt: Der angekündigte Tod

Kino-Kritik : Die Zeit die bleibt: Der angekündigte Tod

Er gilt als das Wunderkind des französischen Films: Regisseur François Ozon. Mit der Komödie "Acht Frauen", dem erotischen Krimi "Swimming Pool" und dem Beziehungsscharade "Fünf mal zwei" hat er sich als bester Frauenversteher des Kinos ausgewiesen. Mit seinem jüngsten Werk widmet er sich nun dem anderen Geschlecht. In "Die Zeit die bleibt" dreht sich alles um einen Mann - einen Todgeweihten.

Das unsentimentale Melodram schildert die letzten Lebenswochen eines homosexuellen Pariser Modefotografen. Nachdem Romain (Melvil Poupaud) bei einem Foto-Shooting plötzlich zusammengebrochen ist, diagnostiziert sein Arzt einen Hirntumor. Romain, extrem gefasst, verweigert die schmerzhafte und wenig erfolgversprechende Chemotherapie und beginnt auf eher intuitive als planvolle Art Abschied vom Leben zu nehmen. Als erstes setzt er abrupt seinen jungen Liebhaber Sascha vor die Tür. Dann, bei einem Abendessen mit seiner Familie, kommt es zum giftigen Streit mit der einst geliebten Schwester und zum Versuch eines Gesprächs mit seinem entfremdeten Vater.

Doch die Wahrheit über seinen Zustand beichtet Romain nur seiner seelenverwandten Großmutter, gespielt von der unverwüstlichen Jeanne Moreau. Schwankend zwischen dem Wunsch nach Abkapselung und Selbstkontrolle und der Sehnsucht nach Nähe, zwischen Krankheitsschüben und Arztbesuchen, wandelt er sich allmählich vom narzisstischen Schnösel zu einem Menschen, der Zorn und Angst loslässt. Mit Hilfe seines kindlichen Ichs, das in kurzen Rückblenden auftaucht, folgt er seinen verschütteten Instinkten und macht - wie bereits in Ozons Trauerfilm "Unter dem Sand", in dem ein Mann beim Schwimmen verschwand - eine letzte Reise ans Meer.

Die Baustellen des Lebens bleiben unerledigt

Das Berückende dieses intimen Dramas ist seine Entspanntheit, die das Gefühl vermittelt, der Todkranke habe alle Zeit der Welt - nicht nur, weil er, frei von Terminen, zum Flaneur wird und seine Umgebung zu fotografieren, also im Sucher neu zu sehen beginnt. Die Verwendung des Breitwandformats, das, so Ozon, zugleich "sehr weit weg und ganz nah dran" ist an den Figuren, weitet den Horizont, drückt visuell Romains Distanz zu kleinen Alltagsnervereien aus und damit einen Überblick auf das, was ihm wirklich wichtig ist.

Bei aller Luftigkeit der Inszenierung weiß der souveräne Regisseur genau, was er zeigen will. So muss Romain nicht noch schnell vor seinem Ableben die Baustellen seines Lebens reparieren. Bei Romains Versuchen, seinen Lieben etwas näher zu kommen, werden Küchenpsychologie und tränenreiche Aussprachen weiträumig umgangen; die knappen Dialoge sprechen durch das Ungesagte.

Die Stationen seines "Kreuzweges", so Ozon, werden dagegen beiläufig von sinnlich-religiösen Bildern aufgeladen: Der puppenhaft rosige Sascha ähnelt einem Michelangelo-Engel, und nach dem letzten Sex schert sich der schöne Romain mit einer Glatze eine mönchische Tonsur und liegt am Ende ausgestreckt am Strand - wie Jesus nach der Kreuzabnahme.

Doch der Anblick der fast 80-jährigen Jeanne Moreau, deren Gesicht durch chirurgische Eingriffe verunstaltet ist, bringt dem Zuschauer den Vergänglichkeitsgedanken schockierend nah. Unangenehm wirkt zunächst auch eine Episode, in der Romain von einer unbekannten Kellnerin gebeten wird, ihr ein Kind zu machen, weil ihr Ehemann unfruchtbar ist. Die praktische Ausführung dieser Samenspende erinnert an einen flotten Dreier. Ob dahinter eine schwule Fantasie steckt, Ozons Wunsch, seine Lieblingsschauspielerin Valeria Bruni-Tedeschi einzusetzen, oder die Erfüllung des biblischen Programms "Seid fruchtbar und mehret euch", bleibt ungewiss. Das Leben, so zeigt Ozon vor allem, geht weiter.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Zeit die bleibt

(ap)