„Die Frau des Nobelpreisträgers“: Literaturnobelpreisgewinner-Macherin

„Die Frau des Nobelpreisträgers“: Nobelpreisgewinner-Macherin

Der Film „Die Frau des Nobelpreisträgers“ erzählt von der Verleihung der renommierten Auszeichnung an einen berühmten Autoren. Regisseur Björn Runge nimmt dabei jedoch ganz gezielt dessen Gattin in den Blick.

Das Telefon klingelt morgens um fünf. Es ist ein Anruf aus Schweden, auf den alle großen Literaten ein Leben lang warten. Joseph Castleman (Jonathan Pryce) zögert den Moment der Verkündung noch ein wenig hinaus und bittet den Anrufer zu warten, bis seine Frau Joan (Glenn Close) am anderen Apparat ist, um mithören zu können. Wie sich das gehört, kämpft Joseph mit den Tränen, als er erfährt, dass er den Nobelpreis für Literatur gewonnen hat. Ungelenk poltern die Dankesbekundungen aus ihm heraus. Joans Reaktion hingegen fällt beherrschter aus. Nur kurz flackert in ihren Augen die Aufregung und Befriedigung über diese höchste aller Anerkennungen auf. Dann erlischt das Glück im Blick und weicht einer abgrundtiefen Leere, deren Ursachen in den nächsten 100 Kinominuten erforscht werden.

Björn Runges „Die Frau des Nobelpreisträgers“ (nach dem Roman von Meg Wolitzer) folgt dem Ehepaar nach Stockholm. Während der Empfänge, den endlosen Gratulationen und zeremoniellen Übungen wird stets Joan ins Bildzentrum gerückt, die als genaue und stille Beobachterin dem Trubel um ihren ruhmreichen Ehemann beiwohnt. Das Gesicht von Glenn Close, das durch eine Kurzhaarfrisur von allen Ablenkungen befreit wurde, ist das eigentliche narrative Zentrum dieses Filmes. In ihm wird das Geschehen nicht nur gespiegelt und kommentiert, sondern auch die ganze tragische Komplexität eines langjährigen, ehelichen Abhängigkeitsverhältnisses sichtbar.

Aus Rückblenden erfährt das Publikum, dass Joan in jungen Jahren selbst eine vielversprechende Autorin war, ihre eigene Karriere jedoch nicht weiter verfolgt hatte. Bei einer Lesung nimmt eine von ihr bewunderte Schriftstellerin eines der eigenen Bücher aus dem Bibliotheksregal und gibt es der jungen Frau in die Hand: „Schlagen Sie es auf!“ Das leise knacken des Buchrückens wird hörbar. „Das ist das Geräusch eines Buches, das nicht gelesen wird“, sagt sie – so wie die meisten Werke von Frauen damals in den Regalen verstaubten. Statt um das eigene schriftstellerische Fortkommen hat sich Joan fortan um die Unterstützung der literarischen Karriere ihres Mannes gekümmert. „Ich bin eine Königsmacherin“, sagt sie zum schwedischen Monarchen, als der sie nach ihrem Beruf fragt.

Dass hinter jedem großen Mann eine starke Frau steht, ist ein Klischee, das auch in Oscar-Dankesreden gerne bedient wird. „Die Frau des Nobelpreisträgers“ dringt tiefer ein in die Frage, was das für eine Ehebeziehung bedeutet und zeigt dass Joans Engagement weit über die familiäre und emotionale Rückendeckung des vermeintlich genialen Gatten hinausgeht. Der Höhepunkt seiner Karriere ist hier auch die Stunde der Wahrheit für das Ehepaar. Schicht um Schicht dringt der Film in die festgefahrenen Machtstrukturen der Beziehung ein, die ihr eigenes, dunkles Geheimnis über Jahrzehnte bewahrt hat.

„Die Frau des Nobelpreisträgers“ beschäftigt sich mit dem Dasein jener Frauen, die gern in der Geschichtsschreibung als Musen geführt werden, obwohl ihre Beiträge am kreativen Schaffen der Lebensgefährten weit über deren bloße Inspiration hinausgehen. Regisseur Runge und Drehbuchautorin Jane Anderson erzählen von Ausbeutungsprozessen, wobei es ihnen gelingt, Verbundenheit und Vertrautheit einer Jahrzehnte währenden Ehe glaubwürdig darzustellen. Der Film spielt auf der Klaviatur emotionaler Widersprüchlichkeiten, ohne das Wesen der Beziehung zu beschönigen. Vor allem aber ist „Die Frau des Nobelpreisträgers“ das schauspielerische Opus Magnum von Glenn Close. Meisterhaft bringt sie hinter der Fassade totaler Selbstkontrolle die miteinander ringenden Emotionen ihrer Figur zum Ausdruck. Ihre Brillanz liegt in einem präzisen Minimalismus, der mit einer kleinen Veränderung der Blicktiefe neue Gefühlswelten aufzureißen vermag. Sechsmal wurde Close bereits für den Oscar nominiert, nun ist es an der Zeit, dass diese Frau endlich auch ihren Acadamy Award in die Hand bekommt.

Die Frau des Nobelpreisträgers, Schweden/USA 2017, von Björn Runge, mit Glenn Close, Jonathan Pryce, Max Irons, 100 Minuten

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