Erster französischer Kostüm-Kung-Fu-Film: "Der Pakt der Wölfe" - Unterhaltsame Identitätskrise

Erster französischer Kostüm-Kung-Fu-Film: "Der Pakt der Wölfe" - Unterhaltsame Identitätskrise

Frankfurt/Main (rpo). Auf der Flucht vor einer unsichtbaren Furie, und in nebelverhangenen Feldern dann doch zerfleischt. Der adrelaninträchtige Beginn des französischen Actionfilm "Der Pakt der Wölfe" endet für ein Bauernmädchen in den Fängen einer blutrünstigen Bestie.

Das Mädchen sieht aus wie aus einem teuren Kostümepos, doch sein Tod ist so blutrünstig voyeuristisch inszeniert wie in einem Splatterfilm - und so hektisch wie bei MTV.

Zwischen den Jahren 1765 und 1768 tötete in der südfranzösischen Provinz eine Bestie Hunderte von Menschen. Der nie aufgeklärte Fall dient als Inspiration für ein wüstes Schauermärchen, bei dem beherzt in die Mottenkiste der Genres gegriffen und alles mit einer Überdosis der angesagten filmischen Beschleunigungstechniken aufgetunt wurde - noch schneller, noch lauter, noch blutiger.

Dekadente Adelige, abergläubische Leibeigene, intrigante Kleriker und viele Wölfe treiben ihr Unwesen in der abgeschiedenen Region. Der Naturwissenschaftler Grégoire de Fronsac (Samuel Le Bihan), der im Auftrag von Louis XV. die Gräueltaten aufklären soll, macht sich mit seinen aufklärerischen Meinungen schnell Feinde. Vor allem aber provoziert sein Blutsbruder Mani, ein Indianer, der mit Bäumen spricht. Gleich zu Anfang gibt der ansehnliche Irokese einen politisch-korrekten Vorwand her für eine ausufernde Martial-Arts-Schlägerei mit illiteratem Gesocks, das gestylt ist wie Skinheads des Ancien Régime.

Ohne Sinn etwas Haut zeigen

Mark Dacascos, der durch Christophe Gans' Martial-Arts-Melodram "Crying Freedom" bekannt wurde, hat mit 18 Jahren die Europameisterschaft in Kung-Fu gewonnen - als edle Rothaut mit esoterischem Naturverständnis und Kampfsportkünsten passt er zu den reaktionären Provinzburschen wie die Faust aufs Auge. Neben weiteren bizarren Dingen gibt es auch noch eine geheimnisvolle Kurtisane und Agentin, Star des ortsansässigen Bordells, (Monica Bellucci diesmal gänzlich nackt), deren einziges Charakteristikum in ihrer Glutäugigkeit besteht.

Weder die mit heftigen Hin- und Hergezoom gefilmte Kung-Fu-Szene noch die Fleischbeschau im Bordell machen dramaturgisch Sinn - Regisseur Christopher Ganz fand es wohl an der Zeit, etwas Haut zu zeigen. Es ist geradezu entwaffnend, mit welcher Unbekümmertheit er disparate Story-Elemente zusammenpappt und noch nicht einmal davor zurückschreckt, dem hanebüchenen Genre-Mix - das europäische Erbe verpflichtet halt doch - einen Hauch von Rousseau und eine philosophische Message überzustülpen: der Mensch ist dem Mensch ein Wolf.

Unsere Schauspielerinnen sind erotischer als eure

Reißerisch ist gar kein Ausdruck für diese hochtourige und zeitweise hochpubertäre Mischung aus Kostümfilm, Special-Effects-Spektakel, Horror, Kung-Fu, Werwolf-Märchen und Sex, deren horror vacui in jeder Sekunde spürbar ist. Das Merkwürdigste daran ist, dass diese Mischung funktioniert: Zwar fühlt man sich fortwährend wie im falschen Film, kapituliert aber bald angesichts des wilden Gebräus, das durch viel stilistisches Fingerspitzengefühl zusammengehalten wird und einen mit düster-berauschenden Bildern immer wieder in seinen Bann zieht.

"Der Pakt der Wölfe" ist ein B-Movie mit einer A-Ausstattung, die vor allem atmosphärisch viel hermacht, eine 200 Millionen Franc-Anstrengung der französischen Filmindustrie, die ihre Muskeln zeigt. Wer hat hat da Angst vorm bösen Wolf aus Hollywood? Seht her, ihr Amis, scheint jede angeberische Einstellung zu rufen, auch wir können lausig teure und lausig schlechte Filme machen, und unsere Schlösser sind echt und unsere Schauspielerinnen erotischer als eure.

Christopher Gans, vor seiner Regisseurskarriere Filmmagazin-Verleger, der sich verkannten Horror- und Science-Fiction-Streifen widmete, scheint sich mit seiner an angelsächsischen Filmen wie "Matrix" und Tim Burtons "Sleepy Hollow" geschulten Extravaganza einen Spaß daraus zu machen, weltweit Cineasten vor den Kopf zu stoßen, die von französischen Filmen viel Reden, subtile Psychologie, aber gewiss keine Action erwarten. Das Ergebnis dieser filmischen Kraftanstrengung könnte man auch als - unterhaltsame - Identitätskrise bezeichnen.

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