Literaturverfilmung: "Der kleine Nick" ist brav geworden

Literaturverfilmung : "Der kleine Nick" ist brav geworden

(RP). Die Abenteuer des französischen Schülers kommen endlich ins deutsche Kino. Die Erzählungen und Zeichnungen von René Goscinny und Sempé sind Klassiker der Jugendbuch-Literatur. Entstanden ist eine nette Komödie, in der die Hauptfigur jedoch zu kurz kommt.

Vorgereckte Stupsnase, Strubbelhaare und immer zu Streichen aufgelegt: So kennt man den kleinen Nick von Zeichnungen, einen Schüler und Lausbuben aus den 1960er Jahren in Frankreich. Nun soll man Nick und seine Kameraden auch aus Fleisch und Blut kennenlernen. Denn nach langer Startverzögerung kommt der französische Film "Der kleine Nick" auch in die deutschen Kinos — und mit ihm der dicke Otto, der rauflustige Franz, der reiche Georg, Polizistensohn Roland, Chlodwig, der Klassenletzte, und Streber Adalbert. Jenseits des Rheins war der Film von Regisseur Laurent Tirard mit mehr als 5,5 Millionen Besuchern einer der erfolgreichsten französischen Filme des vergangenen Jahres.

Eigenständige Handlung

Die Produktion beruht auf den Lausbubengeschichten rund um den "Petit Nicolas" aus der Feder von "Asterix"- und "Lucky Luke"-Erfinder René Goscinny und Zeichner Jean-Jacques Sempé. Das Duo veröffentlichte zwischen 1959 und 1965 etwa 160 Geschichten des vorwitzigen Raufboldes, der im Deutschen zum "Kleinen Nick" wurde. Die Bände wurden über zwölf Millionen Mal verkauft. Vor wenigen Jahren erschienen weitere Geschichten, die die Tochter von René Goscinny im Nachlass ihres Vaters entdeckt hatte.

Der Film orientiert sich an den Anekdoten um den "Kleinen Nick", erfindet aber eine eigene Handlung: Nick (gespielt von Maxime Godart) lebt ein "prima Leben", wie er den Zuschauer schon gleich zu Beginn wissen lässt: Er hat Eltern, die ihn lieben, Kameraden, mit denen er einen Streich nach dem anderen ausheckt, in der Schule wenig Schwierigkeiten und eine Klassenlehrerin, die ihren Schülern viele ihrer Dummheiten nachsieht.

Perfekte Besetzung

Doch eines Tages belauscht Nick seine Eltern und reimt sich zusammen, dass seine Mutter schwanger ist und er ein Brüderchen bekommen wird. Dieser Gedanke lässt ihn fortan nicht mehr los, denn er fürchtet, dasselbe Schicksal zu erleiden wie der kleine Däumling aus dem Märchen: dass ihn seine Eltern im Wald aussetzen. Wie er versucht, dies zu verhindern und die Liebe seiner Eltern "wiederzugewinnen", darum dreht sich der Film.

Die Besetzung der Eltern ist perfekt: Nicks Vater wird von Kad Merad gespielt, der in "Willkommen bei den Sch'tis" der Postbeamte Philippe Abrams war. Valérie Lemercier (bekannt aus "Ein perfekter Platz") ist Nicks Mutter. Sie, liebevoll als Mutter, aber gelangweilt vom Leben als Hausfrau. Er, autoritär, aber hoffnungslos überfordert mit Job, Familie und vor allem seinem Chef. Die Haushaltsszenen und ein minutiös vorbereitetes und doch katastrophales Abendessen für den Chef sind grandios.

Doch genau da wird auch das Problem des Films deutlich: Denn in vielen Szenen spielt Titelheld Nick gar keine Rolle, manchmal ist er nicht einmal anwesend. Er wird schlicht nicht gebraucht. Das wäre in den Büchern unmöglich, dort ist er der Erzähler, aus dessen Perspektive der Leser die Geschichte erlebt.

Schade ist auch, dass der "Kleine Nick" anders als in den Büchern von René Goscinny und Sempé viel zu brav ist. Das beginnt bei den allzu akurat gekämmten Haaren und endet nicht bei der fehlenden vorwitzigen Stupsnase.

Artige Synchronstimmen

Darüber hinaus klingt die deutsche Synchronstimme noch artiger als die französische Originalstimme. So verlässt man das Kino, das man mit Hochstimmung betreten hatte, mit gemischten Gefühlen: Einerseits hat man eine charmante französischen Komödie gesehen, andererseits hatte der Film mit dem "Kleinen Nick" aus den Büchern wenig zu tun. Zu Hause kramt man zuerst einmal die alten Geschichten wieder hervor, um wahrhaftig in Kindheitserinnerungen einzutauchen und die eigene Fantasie spielen zu lassen.

Auch Sempé schien gemischte Gefühle zu haben, nachdem er den Film gesehen hatte. In einem Interview jedenfalls sagte er: "Ich habe mir den Film sehr gerne angeschaut." Und er fügte kurz darauf hinzu: "Der Versuch, die Bücher und den Film miteinander zu vergleichen, wäre doch einfach unnütz."

Bewertung: 3 von 5 Sternen

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(RP)