Film-Kritik: Broken Flowers: Don Juan im Trainingsanzug

Film-Kritik : Broken Flowers: Don Juan im Trainingsanzug

Teilnahmslos sitzt der alternde Mann im Trainingsanzug in seinem Haus. Don ist allein. Gerade hat ihn seine junge Freundin verlassen. Für Don gibt es keinen Grund zur Freude, wohl aber für die Zuschauer des Films "Broken Flowers": Denn es ist so vergnüglich, wie der Schauspieler Bill Murray diesen ergrauten Don Juan spielt und in welche hintergründige Situationen der amerikanische Filmemacher Jim Jarmusch seine Hauptfigur führt.

Jarmusch, der das Drehbuch geschrieben und inszeniert hat, zählt seit zwei Jahrzehnten zu denjenigen Künstlern, von denen stets Außergewöhnliches erwartet wird und die diese Erwartung fast immer auch erfüllen. 1986 hat der heute 52-jährige mit "Down by Law" einen Klassiker geschaffen, "Broken Flowers" könnte zu ähnlichem Ruhm gelangen. Denn der neue Film ist in jeder Szene Tragödie und Komödie zugleich, minimalistisch und witzig. Nur die Besten können eine Geschichte in so lakonischen Bildern und Dialogen erzählen.

Jarmusch hat sein Drehbuch ganz auf Murray zugeschnitten, aber weniger auf den bekannten Hollywoodkomiker: "Ich wollte seine andere Seite zeigen, denn auch diese Mischung aus Unheil und Melancholie gehörte schon immer zu ihm". Murray spielt diesen von der Frau verlassenen Frauenhelden im Ruhestand hinreißend stoisch. Don findet nach dem Auszug der Freundin unter der Post einen rosaroten Brief. Darin wird ihm von einer anonym bleibenden Ex-Gespielin mitgeteilt, es existiere aus dieser Beziehung ein 19-jähriger Sohn, der vielleicht schon zu ihm unterwegs sei.

Dons quirliger Nachbar Winston, der von dem Brief erfährt, motiviert ihn dazu, selbst nach der Frau zu suchen, die ihm dieses Überraschungsei ins Nest gelegt hat. Eher widerwillig, aber doch auch ein wenig neugierig folgt Don dem Rat von Winston und begegnet nacheinander vier Frauen, deren Schicksal ganz verschiedene Verläufe genommen hat. Erste Station ist die attraktive Blondine Laura mit ihrer halbwüchsigen Tochter, dann folgen die im Wohlstand eingefrorene Dora, die esoterisch angehauchte Carmen und die noch immer ungebändigte Penny.

Jarmusch gewinnt das Fernduell mit Wim Wenders

Gespielt werden diese Frauenfiguren von vier Schauspielerinnen der Sonderklasse: Sharon Stone ist eine strahlende Laura, Frances Conroy ist großartig als frustrierte Dora, Jessica Lange überzeugt als Carmen, die an Männern kein Interesse mehr hat, und die kaum wieder zu erkennende Tilda Swinton ist ein Energiebündel, das den müden Don in Schrecken versetzt. Jede Begegnung des früheren Frauenhelden mit seinen gereiften Partnerinnen von einst ist ein Kabinettstück, in dem immer auch eine Dosis amerikanischer Realität enthalten ist. Ein Höhepunkt des Films ist das Zusammentreffen Dons mit einem jungen Mann, den er für jenen Sohn hält, der ihm in dem rosafarbenen Brief verhießen wurde.

Es ist unvermeidlich, Jarmuschs Film mit dem etwas früher angelaufenen "Don't come knocking" seines Kollegen Wim Wenders zu vergleichen. Beide Streifen haben alternde Männer als Hauptfiguren, die überraschend von der Existenz eines Sohnes aus einer lange zurückliegenden kurzen Affäre erfahren. Fast könnte man meinen, der amerikanische und der deutsche Filmemacher hätten sich geeinigt, eine abgesprochene Grundsituation zu variieren. Das wird wohl nicht so gewesen sein.

Jedenfalls aber gewinnt Jarmusch das reizvolle Duell, bei dem hüben wie drüben übrigens Jessica Lange mit von der Partie ist, eindeutig. Er hat die originellere Hauptfigur, den besseren Darsteller, kann Frauen liebevoller in Szene setzen und bietet lakonischen Witz, wo sich Wenders mit wunderschönen Postkartenbildern ins Melodram flüchtet. "Broken Flowers" gehört zu jenen Perlen der Filmkunst, die mit der Zeit noch mehr glänzen werden.

(ap)