Kino-Kritik: Blut und Gin - die neue Swinton

Kino-Kritik : Blut und Gin - die neue Swinton

Am Morgen danach bröckelt getrocknete Spucke aus Julias Mundwinkeln. Mit der Zunge fährt sie über ihre spröden Lippen, schmeckt, was von der durchsoffenen Nacht übrig blieb. Man kann den Ekel fühlen, den schlechten Atem riechen, spüren, mit welchem Widerwillen die Sinne dieser Frau in einen Körper zurückfinden, der schon oft aus dem Saufkoma erwachen musste.

Unbeholfen, angewidert von sich selbst, windet sich Julia aus dem fremden Auto, stakst wie ein elendes Tier über den Schotterparkplatz, die Stöckelschuhe versagen ihr das letzte bisschen würdevoller Haltung. Erleichterung, als sie endlich im eigenen Wagen sitzt. Nie war man einer Alkoholikerin so nahe.

Tilda Swinton ist diese Julia. Und wahrscheinlich ist ihre Darstellung einer impulsiven, vulgären, intelligenten Trinkerin auch deswegen so stark, weil man sie so ganz anders kennt. Swinton ist der androgyne Star des britischen Kunstkinos — ätherische, ferne, kühle Königin mit ihren grünen Unergründlichaugen, ihrem Marmorteint zum roten Schottenschopf, dem schlanken Körper. In "Julia" hat sie nichts Gemeißeltes, nichts Entrücktes, sondern spielt diese Alkoholikerin ungeheuer körperlich, zornig, hässlich, voller negativer Energie — und tief darunter mit sehr viel Trauer über ein vergeudetes Leben.

Doch "Julia" ist kein weinerliches Alkoholiker-Mitleidsdrama. Der französische Regisseur Erick Zonca liefert mit seinem ersten in den USA produzierten Film einen ausufernden Genremix. "Julia" ist Trinkerstudie, Mutter-Kind-Drama, Road- Movie, Gangsterthriller. Denn Julia hat sich trotz ständiger Abstürze, die bald auch zu Jobverlust führen und Freundschaftsbande kappen, längst nicht aufgegeben. Sie will ihr Leben wenden, mit aller Macht, aller Rücksichtslosigkeit. Und sie wittert ihre Chance, als ihre psychisch angeschlagene Nachbarin von ihrem Sohn erzählt, der beim schwerreichen Großvater lebt. Die junge Mexikanerin bittet Julia, ihr bei der Entführung ihres Kindes zu helfen. Julia willigt ein, doch will sie den Jungen für sich, will den Goldopa erpressen, endlich den Coup ihres Lebens landen.

Und so beginnt eine Horrorreise, die zunächst Julias vom Gin enthemmte Brutalität und Unberechenbarkeit vorführt, wenn sie etwa einen freundlichen Mann überfährt, um an das Kind zu kommen, oder den Jungen später achtlos in gammeligen Motels an die Klos bindet, um in Ruhe Schnaps kaufen zu gehen. Doch ist der Film nicht umsonst mit John Cassavetes "Gloria" verglichen worden, denn ganz sacht keimen Muttergefühle in dieser Julia. Die hilflos dem Leben Ausgelieferte entdeckt sich selbst in ihrem hilflosen Opfer — und hat Mitleid. Nur kann sie nicht mehr zurück. Und irgendwann ist dann auch noch die Grenze zwischen den USA und Mexiko überschritten, Profigangster kommen ins Spiel, der Film wandelt sich abermals — zum schnellen Thriller mit diversen Wendungen.

Wäre es nicht Tilda Swinton, die diese viel zu lange Geschichte durchleidet, der Film würde unter der Handlungslast kollabieren. Auch die Wandlung der verkommenen Trinkerin zur Entführerin mit Mutterherz und die abgegriffenen Mexiko-Macho-Chaos-Klischees, die zur Actionkulisse werden, sobald Julia den Fluchtwagen gen Tijuana lenkt, wären schwer zu ertragen.

Doch Swinton kämpft sich mit solcher Energie durch diese Geschichte, dass man ihr die Aufmerksamkeit einfach nicht entziehen kann. Es hat etwas Anrührendes, wie sie diese Trinkerin erwachen lässt, während sie sich von einer Katastrophe in die nächste steuert. Und so will man wissen, wie es mit dieser einsamen, mutigen, verbissenen Kämpferin zu Ende geht. Man hat sie ja doch liebgewonnen inzwischen, diese Rebellin, und will nicht mehr sehen müssen, wie sie in einem fremden Auto wach wird und sich den Restalkohol von den Lippen leckt.

Natürlich kann es für Julia nicht gut ausgehen. Doch einer Süchtigen ein solches Aufbäumen gegen ihr Schicksal, eine solch furiose Flucht vor dem dumpfen Ende im Suff zu gönnen, ist vielleicht mehr als ein Happy End.

(RP)