"Betty Anne Waters" im Kino: Aufstieg einer Kämpferin

"Betty Anne Waters" im Kino : Aufstieg einer Kämpferin

Düsseldorf (RP). Hilary Swank spielt in "Betty Anne Waters" eine Frau, die ihren Schulabschluss nachholt und Jura studiert. Ihr Antrieb: Sie will einen Freispruch für ihren Bruder erwirken, der wegen Raubmords zu "lebenslänglich" verurteilt wurde. Ein authentischer Fall, spannend inszeniert.

18 Jahre lang richtet Betty Anne Waters ihr Leben auf ein einziges Ziel aus: auf einen neuen Prozess und einen Freispruch für ihren Bruder, der für einen Raubmord zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Sie zweifelt nicht an seiner Unschuld.

Weil man sich in ihrem Arme-Leute-Milieu keinen tüchtigen Anwalt leisten kann, wählt Betty Anne einen geradezu fantastischen, langwierigen Weg: Die ungebildete Hausfrau und Mutter zweier Kinder holt ihren Schulabschluss nach, absolviert ein Jura-Studium und betreibt als ihres Bruders Anwältin seine Rehabilitierung.

So viel bedingungslose Loyalität und fanatische Ausdauer kann vielleicht nur Hilary Swank glaubhaft verkörpern. Sie ist so finster entschlossen in ihrer eindimensionalen Zielstrebigkeit, dass sie nicht nur ihren Mann, sondern schließlich auch ihre Söhne verliert: Sie fliehen zum Vater aus dem freudlosen Haushalt einer Mutter, die in ihrem doppelten Job als Studentin und Kellnerin aufgeht.

Mehr schlecht als recht

Nur knapp wird Bettys Ochsentour durch Schulunterricht und Studium angedeutet, doch stets mit dem Hinweis, dass sie sich mehr schlecht als recht zu leidlichen Examens-Noten durchbeißt. Vielleicht würde sie verzagen ohne die Freundschaft der Studienkollegin Abra, die Bettys Abkapselung aufbricht; Minnie Driver spielt sie mit so viel Wärme, dass sie über die Glaubwürdigkeits-Lücken in ihrem Charakter hinweghilft.

Doch sobald auch Abra Zweifel an der Unschuld des Bruders Kenny andeutet, fliegt sie aus dem Haus. Dabei war Kenny so bekannt für kriminelle Jugendstreiche und brutalen Jähzorn, dass ihn die Polizei als passenden Verdächtigen präsentieren kann nach dem bestialischen Raubmord an einer Nachbarin.

Sam Rockwell fasziniert mit den Wandlungen dieses Kenny: zunächst das charmante Raubein mit arroganter Belustigung über einen ersten Versuch, ihn des Mordes zu verdächtigen, und damit sein Schicksal herausfordernd in der Gestalt einer Polizistin (kalt und böse vor brennendem Ehrgeiz: die großartige Melissa Leo), die es schafft, ihn durch zwei überraschende, gründlich präparierte Belastungszeugen auf die Anklagebank zu bringen; dann der verzweifelte Häftling, der zwischen Selbstmordversuchen und Wutausbrüchen schwankt.

Versprechungen, immer füreinander einzustehen

Regisseur Tony Goldwyn und seine Drehbuchautorin Pamela Gray ließen es nicht dabei bewenden, das enge Verhältnis zwischen den beiden Geschwistern mit den Gefängnis-Szenen zu betonen. Darin beschwört die Besucherin Betty ihren Bruder, die Hoffnung nicht aufzugeben auf Erlösung aus einer Haft, die als buchstäblich "lebenslänglich", ohne die Möglichkeit einer Begnadigung verhängt wurde.

Rückblenden führen aus den frühen 1980er Jahren, der Zeit vor Kennys Verurteilung, und den 1990er Jahren, der Zeit von Bettys Kampf um seine Rehabilitierung, zurück in eine dritte Zeitebene: die Kindheit in den 1960er Jahren mit den gemeinsamen Streichen von Kenny und Betty und den gegenseitigen Versprechungen, immer füreinander einzustehen, auch wenn sie aus dem verwahrlosten Haushalt ihrer Mutter geholt und auf verschiedene Pflege-Familien verteilt werden.

Diese Szenen ländlicher Armut, diese bedrückend genau ausgemalte Umwelt zweier Kinder, die sich in ihrer Chancenlosigkeit aneinanderklammern, lassen Bettys Ziel geradezu verrückt erscheinen, ihren Bruder, einen idealen Sündenbock für ein nie aufgeklärtes Verbrechen, aus den Klauen des Justizapparats zu befreien. Dafür muss sie sich aus der Unterschicht zu einer standesgemäßen Kämpferin hocharbeiten.

Tragisches Ende

Glückliche Zufälle helfen ihr: Akten und (getürkte) Beweisstücke sind nicht fristgerecht vernichtet worden, ein auf Justizirrtümer spezialisierter prominenter Anwalt lässt sich zum Mitmachen überreden.

"Betty Anne Waters" erzählt einen authentischen Fall in lauter stimmig ineinandergefügten Mosaiksteinen, nicht etwa als rundes, ins Märchenhafte gleitendes Hollywood-Melodram wie "Erin Brockovich": jene proletarische Justiz-Rebellin, mit der Julia Roberts Furore machte. Das war im Jahr 2000 — just zu der Zeit, als der historische Kenny endlich freigesprochen wurde. Er starb nach sechs Monaten Freiheit bei einem Unfall, im Alter von 47 Jahren.

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