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Andrew Garfield: Der Kuss des Spinnenmanns

"The Amazing Spider-Man 2" : Der Kuss des Spinnenmanns

Regisseur Marc Webb zeigt in "The Amazing Spider-Man 2" schöne 3D-Artistik. Aber das Liebespaar bleibt noch stärker in Erinnerung.

Walt Disney brachte seine Zeichentrickfilme seinerzeit alle sieben Jahre neu in die Kinos, wenn eine weitere Kindergeneration nachgewachsen war. Erst die ständige Verfügbarkeit auf Video machte dieses unfehlbare Geschäftsmodell zunichte. Heute muss schon alles neu drehen, wer einen Erfolg für das nachrückende Publikum wiederholen will. Nur dürfen die Abstände dabei ruhig immer kürzer werden.

Ganze fünf Jahre vergingen nach dem Abschluss von Sam Raimis "Spider Man"-Trilogie, bis der Videoclip-Regisseur Marc Webb alles auf Anfang setzte. Wie ein reißerisches Ausrufezeichen wirkte da das Attribut "Amazing", das man von der klassischen Heftserie der 60er Jahre übernommen hatte.

Der "Erstaunliche": Hochseilartisten und Zauberkünstler pflegen sich so anzupreisen, aber der schwindelfreie Spider Man ist natürlich genau besehen beides auf einmal. Wobei der Zaubertrick in diesem Fall in einem Akt der Kollektiv-Hyponose besteht — uns vergessen zu lassen, was wir schon alles aus anderen Spider-Man-Filmen oder den jüngsten 3D-Blockbustern kennen. Das klappt zunächst ganz wunderbar und hält sogar 142 unterhaltsame Minuten an. Ein paar Tage später aber rächt sich der Trick — wenn wir versuchen, uns mehr als ein paar Augenblicke von "The Amazing Spider-Man 2" wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Teenage-Superheld Peter Parker - Andrew Garfield versteckt in der Rolle abermals seine voluminöse Haartolle unterm Spinnenkopf - plagt das schlechte Gewissen: Dem Vater seiner von Emma Stone gespielten Freundin Gwenn hat er am Sterbebett versprechen müssen, sie durch seine Gegenwart nicht weiter zu gefährden. Ihre Trennung besiegelt sie mit einem Flugticket nach England, wo sie ein Oxford-Stipendium ergattert hat. Anders als ihr sprungkräftiger (Ex-)Freund sieht sie sich für die intellektuelle Seite der Überfliegerei berufen. Solange sie aber noch in New York weilt, bleibt sie auch ohne Peters Zutun in Gefahr: Denn Superschurken nehmen nun einmal gern den Anhang ihrer Gegner in Sippenhaft.

Diesmal sind für die Schurkerei zuständig: der nach einer Begegnung mit Zitterwalen dauerhaft mit Starkstrom aufgeladene Electro (Jamie Foxx) sowie Peters Sandkastenfreund Harry Osborne (Dane DeHaan). Er ist der Erbe des Großkonzerns Oscorp, für den auch Electro tätig ist. Osborne ist sterbenskrank, und Peters Blut seine einzige Rettung. Wirklich böse aber sind sie beide nicht, was sich gut einfügt in den bei aller Dramatik traditionell verspielten und nuancierteren Tonfall eines Spider-Man-Films.

Electro, der höchst unfreiwillig zu Superkräften kommt, die er erst zu kontrollieren lernt, als er bereits versehentlich — in einer großartigen Animationsszene — den Times Square verwüstet hat, ist vor seiner Verwandlung der typische Bürotrottel. Der vielseitige Jamie Foxx verleiht der Figur die tragikomische Ausstrahlung eines zu plötzlicher Macht gekommenen notorischen Verlierers. Ironischerweise outet sich seine Figur früh als Spider-Man-Fan — was sie wiederum zum Stellvertreter des Publikums macht. So können wir nicht anders als ein gutes Stück mit dem blau schimmernden Electro zu sympathisieren. Und Osborne mag als fanatischer Konzernchef ein übler Diktator sein — und ist doch auch eine mitleiderregende Gestalt. Wenn also die Bösen schon recht traurige Gesellen sind, mag auch der Held nicht wirklich strahlen - so sehr er doch zugleich diesmal Gefallen an seiner Rolle finden möchte. Zumal das Mysterium um seinen von Campbell Scott gespielten Vater auch noch aufzuklären ist.

Es ist keine wirkliche Neuigkeit, welche Vorzüge die Spider-Man-Filme gegenüber vielen anderen Comic-Adaptionen haben. Sam Raimi hat sie in der ersten Trilogie alle herausgearbeitet, als er die Poesie jener anspruchsvollen Spielart des Teenager-Films, die man heute gern Coming-of-Age-Drama nennt, mit dem digitalem Actionkino kombinierte. Und je größer das Spektakel wird — 3D ist nun einmal der wirklich ideale Spielraum für eine Spinne -, desto eindringlicher müssen auch die Figuren durchgezeichnet sein, um die Balance zwischen menschlicher und technischer Ebene zu halten.

Andrew Garfield und Emma Stone besitzen so viel echtes Charisma, dass eigentlich sie es sind, die für die wahre "Animation" der formelhaften Geschichte sorgen. Es ist wie bei einer hundertmal gespielten Oper, der geniale Sänger plötzlich einen ganz und gar einzigartigen Glanz verleihen. Und wenn hinterher das Licht angeht und keiner mehr recht weiß, was man nun hier und nicht schon woanders gesehen hat, dann bleiben Garfield und Stone noch immer als das stärkste Blockbuster-Liebespaar in Erinnerung. Wenigstens seit sich Leonardo DiCaprio und Kate Winslet auf der "Titanic" trafen.

(RP)