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RP-Kritik: "Das Blaue vom Himmel": Alzheimer-Drama als Starkino

RP-Kritik: "Das Blaue vom Himmel" : Alzheimer-Drama als Starkino

(RP). In "Das Blaue vom Himmel" spielt Hannelore Elsner eine Frau, die an Alzheimer leidet, bruchstückhaft aber Episoden aus ihrer Vergangenheit preisgibt, die auf dunkle Ereignisse während ihrer Jugend in Lettland schließen lassen. Ihre Tochter macht mit ihr eine Erinnerungsreise nach Riga.

Sie ist noch ganz Dame, als sie in das Taxi steigt. Marga lässt sich großzügig von Bonn nach Wuppertal chauffieren, doch dann bezahlt sie die Tour nicht, sondern entschwindet wortlos in eine Villa. Als der verdutzte Fahrer ihr nachgeht, trifft er sie in der Küche an, wie sie gerade Kaffee in die Bratpfanne kippt. Auch stellt sich bald heraus, dass sie in diesem Haus eine Fremde ist.

Marga ist aus der Zeit gefallen. Sie lebt in Erinnerungen, in Szenen aus der Vergangenheit, die in ihre Gegenwart schwappen als wären sie real. Dafür weiß sie sich in der wirklichen Welt nicht mehr zu benehmen. Marga hat Alzheimer und wie Hannelore Elsner das spielt — so kokett eigensinnig, grandios störrisch und zugleich so tief traurig in ihrer Einsamkeit, das ist berührend anzusehen.

Zwar hat Elsner ihre gewohnte Ausstrahlung als selbstbewusste, reife, stets ein wenig eitle Frau mit Sex-Appeal schon konsequenter abgestreift, in Oskar Roehlers "Die Unberührbare" etwa. Doch mit dieser Geziertheit spielt sie diese Marga eben nicht als Kranke, als Verwirrte, als Pflegefall, sondern als einen Menschen, der sich in eine andere Wirklichkeit geflüchtet hat. Das macht ihn verletzlich und bereitet den Angehörigen Probleme, aber ihre Würde verliert diese Marga nicht. Allerdings gibt es dunkle Gründe für ihre Flucht ins Gestern. Und so ist "Das Blaue vom Himmel" auch kein Film über Alzheimer, sondern ein Familiendrama vor historischer Kulisse. Die Krankheit wird nicht in ihrer Rätselhaftigkeit und tatsächlichen Grausamkeit erkundet, sondern dient als Mittel, um Margas Geschichte in Rückblenden zu erzählen.

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Karoline Herfurth spielt die junge Marga, die in Lettland aufwächst. Sie kann das gut, die verwöhnte höhere Tochter geben, die auf stille Art leidenschaftlich ist und auf selbstzerstörerische Weise kompromisslos. Margas Familie gehört zur wohlhabenden deutschen Minderheit in Riga. Die junge Frau lebt unbeschwert, verliebt sich in einen lettischen Fotografen und heiratet ihn gegen den Willen des Vaters. Doch es ist eine einseitige Liebesheirat. Der Fotograf fühlt sich zu einer anderen hingezogen und so macht erst Eifersucht die stolze Marga hart, dann Hass. Und dann schließen Hitler und Stalin ihren Nichtangriffs-Pakt, die Rote Armee marschiert in Lettland ein und eine zutiefst verwundete Frau bekommt die Gelegenheit zur Rache.

Regisseur Hans Steinbichler setzt das unaufgeregt in Szene. Die Figuren bekommen Raum, ihre Charaktere zu entfalten und machen Wandlungen durch. Dazu sind die Szenen aus den 30er Jahren, in denen die tragische Liebesgeschichte spielt, so sorgsam in Szene gesetzt, dass der Zuschauer leicht mit in die Vergangenheit abtaucht.

Allerdings wird auch aus dem Leben der Alzheimer-Kranken Marga weiter erzählt. Deren Tochter, gespielt von Juliane Köhler, ist Journalistin in Berlin und hat eigentlich keine Zeit für die Krankheit der Mutter. Doch als sie Marga erlebt, so ruppig abweisend und dann wieder Nähe, ja Zärtlichkeit suchend, beschließt sie, die Mutter nach Lettland zu bringen. Gemeinsam mit der alten Frau will sie deren Vergangenheit erkunden, herausfinden, was die Mutter nicht zur Ruhe kommen lässt.

So ist "Das Blaue vom Himmel" auch ein Mutter-Tochter-Film. Allerdings ist Juliane Köhler derart auf steife, unnahbare Intellektuelle getrimmt, dass es schwerfällt, ihr das neu erwachende Interesse an der Mutter abzunehmen. Seltsam ungelenk stakst sie durch diesen Film, wie man es von dieser Schauspielerin nicht gewöhnt ist. Vielleicht liegt es aber auch am Ambiente, denn residieren muss Köhler in einer Berliner Altbauwohnung, die so plakativ als Künstler-Denker-Domizil gestaltet ist, dass die Menschen darin verloren wirken. Leider passiert das immer wieder im deutschen Film, dass Ausstattungen so typisch sein sollen, dass sie nur noch künstlich wirken oder sich in den Vordergrund drängen noch vor die Schauspieler.

Da ist man froh, dass in diesem Fall wenigstens Matthias Brandt als Gatte der Tochter durch die Wohnung schlufft und sich von all dem Dekor im 4,50-Meter-Zimmerhöhen-Stuckdecken-Daheim nicht beeindrucken lässt, sondern schlicht den besorgten Ehemann spielt.

Auch der Mutter-Tochter-Erzählstrang spielt allerdings nicht heute, sondern Anfang der 90er Jahre, also genau in jener Umbruchzeit, da Lettland sich die Unabhängigkeit erkämpfte. Abgesehen davon, dass wohl niemand auf die Idee käme, mit einer verwirrten Frau in ein Land in akuter Krise zu reisen, mutet Steinbichler dem Zuschauer durch das Spiel mit Zeitebenen und die komplexen historischen Hintergründe einiges zu. Doch immerhin verheddert oder verfranst sich Steinbichler nicht, sondern bringt die Erzählungen in ihren Epochen ruhig zu Ende.

So ist "Das Blaue vom Himmel" der erste Film, in dem Alzheimer den dramaturgischen Aufbau der Erzählung vorgibt. Da werden die Splitter eines durch die Krankheit zerbrochenen Ichs zusammengesetzt und als die Geschichte vollendet ist, finden die Figuren Ruhe. Im Film darf man dem Erzählen ruhig einmal so viel heilende Kraft zubilligen. lll

(RP)