„Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“: Geschichte einer Flucht aus Deutschland

„Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ : Die Geschichte einer Flucht aus Deutschland

Regisseurin Caroline Link hat Judith Kerrs Jugendbuch-Klassiker „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ eindrucksvoll verfilmt.

Während Erwachsene dazu neigen, unter der Last der Vergangenheit und den Ungewissheiten der Zukunft zu leiden, gehen Kinder bis zu einem gewissen Alter oft als begnadete Situationisten durchs Leben. Das, was mit dem Begriff der „kindlichen Unschuld“ nur unvollständig umrissen wird, ist auch die Gabe, die Gegenwart als alleinigen Richtwert anzuerkennen. Denn nur aus dem Hier und Jetzt kann das Kind jene Eigenerfahrungen beziehen, die für seine Persönlichkeitsbildung wichtig sind. Diese Fokussierung geht mit dem Prozess des Erwachsenwerdens zunehmend verloren. Das, was war, was hätte sein können oder noch passieren könnte, wird genauso wichtig, wie das, was ist.

In der Literatur und im Kino gibt es nur einige wenige gelungene Versuche, aus der situationistischen Kinderperspektive von großen gesellschaftlichen Umwälzungen zu erzählen. Gerade in den vergangenen Jahren näherten sich Filme wie „Der Junge im gestreiften Pyjama“ nach dem Roman von John Boyne oder „Lauf Junge lauf“ nach der autobiografischen Erzählung von Uri Orlev den Grauen des Nationalsozialismus mit dem Blick des Kindes an. Nun hat Caroline Link („Der Junge muss an die frische Luft“) den Jugendbuch-Klassiker „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ von Judith Kerr adaptiert. Aus der Sicht der neunjährigen Anna (Riva Krymalowski) erzählt Kerr darin von den Erlebnissen ihrer eigenen Familie, die nach Hitlers Machtergreifung 1933 Hals über Kopf flüchten musste. Ein Koffer, ein paar Kleider, zwei Bücher und ein Stofftier – so lauten die Packanweisungen der Mutter (Carla Juri). Das stellt Anna vor eine schwierige Entscheidung: Kommt ihr geliebtes rosa Kaninchen oder der Teddybär mit? Sie entscheidet sich für den Bären, während das Kaninchen bei Hitler in Deutschland bleiben muss.

Annas Vater (Oliver Masucci) ist schon vor wenigen Tagen in die Schweiz gereist. Dem angesehenen Journalisten und ausgesprochenen Nazi-Kritiker drohte nach der Machtergreifung die Verhaftung. Als Anna mit ihrer Mutter und dem Bruder in Zürich ankommt, übernachten sie in einem schmucken Luxushotel. Aber das ändert sich bald. Die finanziellen Rücklagen der Geflüchteten sind knapp, und so zieht die Familie in einen Gasthof auf dem Lande. Die Berge, das Dorf, die Mitschüler, die einen schwer verständlichen Dialekt sprechen – alles ist neu für Anna, die ihr Berliner Zuhause vermisst.

Gerade als sie sich eingewöhnt hat, heißt es erneut umziehen. Für den Vater gibt es in der Schweiz keine Arbeit, und in Paris kann er für eine jüdische Exilzeitung schreiben. In einer kleinen Dachkammer-Wohnung bezieht die Familie Quartier, und Anna muss diesmal in einer ganz neuen Sprache noch einmal von vorn anfangen. Immer enger werden die Räume, in denen die Familie lebt, während sich die politische Situation in Deutschland weiter zuspitzt.

Stets auf Augenhöhe zu ihrer Protagonistin zeigt Caroline Link, welche enorme Anpassungsfähigkeiten ein Kind im Exil entwickeln muss. Dabei werden die Geschwister und die Eltern, die unter großem Existenzdruck stehen, zum wichtigsten Haltepunkt für das Mädchen. In Annas kindliche Unbekümmertheit sickern die Sorgen und Nöte stetig ein, ohne dass sie der Lebensmut und das Vertrauen in die Eltern verlässt. Denn sie hat eben jene Gabe, sich in unsicheren Zeiten an den kleinen Momenten des Glücks festzuhalten.

Wie schon in ihrem Debüt „Jenseits der Stille“ (1996) und zuletzt in „Der Junge muss an die frische Luft“ (2018) zeigt Link auch hier ihr gutes Gespür für Kinderdarsteller. Riva Krymalowski entwickelt ein beträchtliches Leinwand-Charisma, trägt den Film über weite Strecken allein auf ihren Schultern und macht die Ängste ihrer Figur ebenso sichtbar wie deren unbändige Lebenslust. Einzig die omnipräsente, deutlich überdosierte Musik navigiert dieses einfühlsame Porträt einer Familie im Exil gelegentlich in allzu sentimentale Gefilde.