1. Kultur
  2. Film

Kinofilm "Der Himmel wird warten": Wie der IS-Terror nach Europa kam

Kinostart von "Der Himmel wird warten" : In den Fängen des IS

Das Drama "Der Himmel wird warten" zeigt, wie der Terror nach Europa kommt. Die Täter bleiben im Dunkeln. Doch das Gefühl von Angst schwingt auch beim Zuschauer mit.

In der Nacht stürmt die Polizei Catherines Haus und verhaftet ihre 17-jährige Tochter. Erst da erfährt Catherine (Sandrine Bonnaire), dass Sonia (Noémie Merlant) sich dem Dschihad angeschlossen hat und seit Wochen einen Terroranschlag auf französischem Boden plante.

Auch Sylvie (Clotilde Courau) sieht es bei ihrer Tochter Mélanie (Naomi Armarger) nicht kommen; mit dem jungen Mann, der sie über ihr Handy kontaktiert hat, chattet das schüchterne Mädchen heimlich. Er macht ihr Komplimente, schickt Propagandavideos, verbietet ihr den Kontakt mit anderen Jungs. Als er fordert, Mélanie solle sich verschleiern und zu ihm nach Syrien kommen, ist sie für ihre Mutter verloren.

In verschachtelten Episoden puzzelt Marie-Castille Mention-Schaar ("Die Schüler der Madame Anne") die islamistische Gehirnwäsche zweier Teenies zusammen. Vor islamistischer Radikalisierung in Europas Mitte will die französische Regisseurin warnen, möglicherweise hinter der Zimmertür des eigenen Kindes. Perspektivisch schwankt Mention-Schaar dabei unentschlossen zwischen den Opfern und ihren Müttern.

Den Tätern erlaubt sie dagegen keine Gestalt: Nie ist ein IS-Anwerber persönlich zu sehen. Das macht sie ungreifbarer und bedrohlicher, schlägt sich auf der Leinwand nieder wie ein übergeordnetes Böses, das von den Mädchen Besitz ergreift. Man sieht Mélanie betend auf dem Boden knien, ihre Mutter mit monströs verändertem Gesichtsausdruck beschimpfen und den Nikab anprobieren wie einen Brautschleier.

Als Gegenentwurf zu ihrer Indoktrination wird Sonias mühsame Wiedereingliederung in die Gesellschaft in der Art eines Suchtdramas gezeigt: Wenn Sonia, unter Hausarrest und Internetentzug, zitternd ins Bett kriecht und wimmernd die Decke wie eine Burka um den Kopf zieht, sieht das eher aus wie kalter Crack-Entzug. Ohne Amarger und Merlant, die beide mit Hingabe spielen, würde man kaum hinsehen mögen.

Überzeugender sind die Momente, in denen Sonia und ihre Eltern Gesprächstherapie-Runden mit der französischen Entradikalisierungs-Arbeiterin Dounia Bouzar besuchen. Halb dokumentarisch streut Mention-Schaar diese Szenen mit betroffenen Familien ein. Doch sobald Bouzar mit ihren differenzierten Kommentaren verschwindet, spricht der Film nur noch mit greller Stimme von Terror. Und der unkontrollierten Angst davor.

Der Himmel wird warten, Frankreich 2016 - Regie: Marie-Castille Mention-Schaar, mit Noémie Merlant, Naomi Amarger, Sandrine Bonnaire, 105 Min.

(RP)