Filmkritik „Im Westen nichts Neues“ – Krieg ist ein dröhnendes Monster

Die Neuverfilmung des Antikriegsromans erzählt, was Krieg für diejenigen bedeutet, die ihn ausfechten müssen. Regisseur Edward Berger findet gelungene Bilder für das Thema. Nun ist der Film für neun Oscars nominiert worden.

 Felix Kammerer in der Rolle des Paul Bäumer.

Felix Kammerer in der Rolle des Paul Bäumer.

Foto: dpa/Reiner Bajo

Nach dem Gefecht werden im Niemandsland an der Westfront die Leichen der Soldaten eingesammelt und die Uniformen von den leblosen Körpern gezogen, die wenig später in einem Massengrab aufgereiht nebeneinander liegen. Jacken und Hosen der Verstorbenen verschnürt man zu dicken Bündeln. Ganze Waggonladungen davon landen in der riesigen Halle, wo das Blut in großen Trögen herausgewaschen wird und zahllose Näherinnen die Einschusslöcher ausflicken. Von all dem ahnt Paul Bäumer (Felix Kammerer) nichts.

Der 17-jährige Gymnasiast hat die Unterschrift seines Vaters gefälscht, um als Freiwilliger für Kaiser, Gott und Vaterland im Ersten Weltkrieg zu dienen. Als er das fremde Namensschild in der Jacke entdeckt, glaubt er, dass ihm irrtümlich die falsche Uniform ausgehändigt wurde. Schnell wird der Aufnäher des getöteten Soldaten herausgerissen und unter den Tisch fallen gelassen.

Schon zu Beginn verbindet Edward Berger in seiner Neuverfilmung von Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ durch eine plastische Montage das anonyme, massenhafte Sterben an der Front mit den verklärten Illusionen des Kriegsfreiwilligen. Die literarische Vorlage aus dem Jahr 1928 gehört bis heute zu den wichtigsten Antikriegsromanen, wurde in über 50 Sprachen übersetzt und weltweit mehr als 20 Millionen Mal verkauft. Als Klassiker gilt auch die US-Verfilmung von Lewis Milestone, die 1930 mit zwei Oscars ausgezeichnet, in Deutschland mit massiven Protesten nationalsozialistischer Schlägertrupps belegt und erst 1983 im deutschen Fernsehen erstmals in unzensierter Form gezeigt wurde. Kompromisslos schilderte Remarque die Grauen des Krieges aus der Kanonenfutter-Perspektive des jungen Soldaten. Diese Sicht behält auch Berger in seiner Netflix-Adaption bei, die vorab im Kino gezeigt und für Deutschland ins Oscar-Rennen geschickt wird.

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Foto: AP/Melinda Sue Gordon

Absolut ungeschönt werden die Schrecken des Stellungskrieges an der Westfront ins Bild gefasst. Die Angst der jungen Rekruten zwischen Kugelhagel und Artilleriefeuer wird geradezu körperlich spürbar. Die Brutalität kriegerischen Mordens mit Gewehren, Bajonetten, Klappspaten, Gas und Flammenwerfern zeigt der Film direkt, aber ohne voyeuristische Verstärkereffekte. Die Gewalt ist dumpf, ziellos und gerade in ihrer Banalität monströs. Untermalt von dem dröhnenden Soundkompositionen Volker Bertelmanns (aka Hauschka), die jegliches Pathos vermeiden, wird dieser „Im Westen nichts Neues“ auch zu einer beklemmenden Klangerfahrung. Dem gegenüber steht die fragile Menschlichkeit des jungen Paul, den der österreichische Schauspieler Felix Kammerer mit einer beeindruckenden, emotionalen Transparenz durch die Hölle des Krieges führt. Mit angenehm unaufdringlicher Präsenz spielt Albrecht Schuch den erfahreneren Soldaten Stanislaus „Kat“ Katczinsky (Albrecht Schuch), der Paul unter seine Fittiche nimmt und den Schrecken des Schlachtfelds mit Pragmatismus begegnet.

Berger hat die literarische Vorlage entschieden eingekürzt. Die Grundausbildung, in der die Soldaten zu willenlosen Befehlsempfängern geschliffen werden, bleibt ebenso außen vor, wie Pauls verstörende Erfahrungen beim Heimaturlaub. Dafür wird die Filmhandlung in einem zweiten Erzählstrang erweitert. Während die jungen Männer in den Schützengräben sterben, versucht der liberale Abgeordnete Erzberger (Daniel Brühl) gegen den Willen der deutschen Militärhierarchie in Compiègne mit Marechal Foch die Kapitulation auszuhandeln. Damit bricht Berger die stringente Perspektive des Romans auf und verortet die subjektiven, traumatischen Erfahrungen des Soldaten in einem historischen Rahmen.

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Zehn Jahre nach Kriegsende konnte Remarque auf eine solche Einordnung verzichten. Fast hundert Jahre später kann ein wenig historischer Kontext nicht schaden, zumal die Sinnlosigkeit kriegerischen Sterbens hier noch deutlicher wird: In der letzten Stunde vor Inkrafttreten des Waffenstillstandes schickt General Friedrichs (Devid Striesow) die Soldaten noch einmal zurück aufs Schlachtfeld.

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Natürlich konnten selbst die ausgefeilten Algorithmen von Netflix nicht vorhersehen, dass die Neuverfilmung von „Im Westen nichts Neues“ mit dem Krieg in der Ukraine eine unverhoffte Aktualität bekommt. Aber nun macht der Film zur richtigen Zeit auf eindrückliche Weise deutlich, was Krieg tatsächlich für diejenigen bedeutet, die gezwungen werden, ihn auszufechten.