Hans Zimmer ist der Star-Komponist in Hollywood

Hans Zimmer: Besuch beim Taktgeber Hollywoods

Hans Zimmer ist der meistbeschäftigte Komponist der Traumfabrik. Der gebürtige Frankfurter schrieb die Musik für einige der größten Kino-Erfolge der vergangenen Jahrzehnte. Wir besuchten ihn in seinem Studio bei Los Angeles.

Das hier ist Santa Monica, 15 Minuten von der berühmten, palmengesäumten Strandpromenade entfernt, wo alle so tolle Bodys haben. Das Studio von Hans Zimmer sieht aber von außen überhaupt nicht gut aus, grauer Kasten an gerader Straße. Wer durch die Tür tritt, wird erst mal hart angegangen: Sicherheitskontrolle, da steht ein Schrank von Kerl. Er hängt sehr autoritär ein "Sir" an jeden Satz, das Komma davor ein Peitschenhieb. Könnte in einem Polizeifilm mitspielen. Bad Cop.

Hans Zimmer und unser Autor. Foto: Holstein

So muss das aber sein, hohe Zugangshürde für großen Genuss gewissermaßen, denn am anderen Ende des Flurs öffnet sich das Paradies. Ein Raum so verheißungsvoll abgedunkelt wie eine gute Bar. Rote Sofas mit farblich passenden Hermés-Wolldecken auf den Armlehnen. Lampen mit Totenkopf-Motiv. An den Wänden vom dunklen Holzboden bis an die stoffbespannte Decke entweder alte Synthesizer mit vielen Reglern und Tasten, Knopfsalat sozusagen, oder Bücher, Massen von Büchern - darunter ein Bildband von Christian Schad, Theorie von Naomi Klein und Gedichte von Anna Achmatowa (noch in Folie). Hier könnte ich nicht arbeiten, flüstert der innere Schweinehund, zu viel Ablenkung.

Hans Zimmer - der Superheld, Oberzampano und Ninja-Meister des Hollywood-Soundtracks

Mitten im Raum steht Hans Zimmer: Superheld, Oberzampano und Ninja-Meister des Hollywood-Soundtracks. Gebürtiger Frankfurter. 59 Jahre. Vier Kinder. Er ging in den 70ern nach England, wirkte am Pop-Hit "Video Killed The Radio Star" von The Buggles mit und bekam Kontakt zu einem Komponisten für Filmmusik. Dann rüber nach Hollywood. Die erste große Produktion brachte 1988 die erste von inzwischen zehn Oscar-Nominierungen: "Rain Man" mit Tom Cruise. Zimmer trägt Polohemd und Sakko, helle Chinos, dazu bunt gestreifte Socken und braune, butterweiche Slipper. Aufgeschlossenes Lächeln, große Freundlichkeit.

Herr Zimmer, Ihr Studio sieht aus wie eine Bibliothek. "Das ist auch eine Bibliothek. Ich habe früher meine Bücher zu Hause auf dem Fußboden gelagert. Aber meine Frau hat gesagt: Jetzt hör mal auf! Da habe ich die Bücher einfach in mein Studio gebracht." Sie sind also Büchersammler? "Auch Leser! Das mit dem Bücherkaufen ist so: Es hat mit Ewigkeit zu tun. Du kannst nicht sterben, bevor Du sie nicht alle gelesen hast. Büchersammeln ist eine Möglichkeit, am Leben zu bleiben."

Moroder ist Zimmers Vorbild

Erster Eindruck: super Typ. Spricht so ein Siegfried-und-Roy-Deutsch. Fühlt sich im Englischen sicherer, sagt er. Zündet sich eine Marlboro an, die er in silbernen Schatullen aufbewahrt. Genussraucher. Zimmer setzt sich in einen Sessel, gefertigt aus rotem Leder. Ob man ein Fiji-Water wolle? Nein, danke. Da hinten: der Oscar, den er für "König der Löwen" bekam. Die Figur steht hinter Glas auf einem Synthesizer, daneben acht dicke Kerzen. Irre. Leicht morbide. "Das Glas ist nur da, weil der Oscar so billig gemacht ist, dass sonst das Gold abblättern würde." Stille, kein Lachen. Unklar, ob das witzig gemeint ist oder ernst.

Auf dem Tisch am Sofa liegt ein Bücherstapel, ganz oben ein Band von Baedeker: "Deutschland in Grafiken. 100+1 Fakten. Das muss jeder Deutsche wissen." Rührend. Herr Zimmer, haben Sie Vorbilder? "Giorgio Moroder! Seine Musik für ,Midnight Express' war perfekt." Zimmer erzählt, dass die meisten Soundtracks aus mehr oder weniger lieblos kuratierten Popsongs bestanden, als er in die USA kam. Erst allmählich kehrten die Produzenten zurück zur alten Einsicht, dass der Ton wichtig ist. "Das Auge hört mit", sagt Zimmer. Wegen der rasant verbesserten technischen Möglichkeiten konnte er damals auf dem Synthesizer erstaunlich guten Sound produzieren. "Ich kam vom Rock 'n' Roll und habe meine Rock-Produzenten-Ideen einfließen lassen." Das war sein Trick.

"Jeden Tag fällt hier der Name Kraftwerk"

Stichwort Synthesizer. Zimmer hat ja ein fast zärtliches Verhältnis zu den Geräten. "Jeden Tag fällt hier der Name Kraftwerk. Wir sind alle Fans!" Kurzer Einschub: Niemand spricht das Wort "Fans" so aufsehenerregend amerikanisch aus wie Zimmer. "Feehnß". Herrlich. Er schwärmt von Tangerine Dream und dem "Blade Runner"-Soundtrack von Vangelis: Perfect! "Wissen Sie, der Synthesizer ist ein Stück Technologie wie die Violine und das Klavier. Er ist ein Musikinstrument. Es kommen viele Studenten hierher, aus Berkeley und so. Die spielen dann toll Gitarre oder Geige. Und ich versuche, ihnen zu erklären, dass der Computer auch ein tolles Instrument ist: Du musst genau so viel üben und daran arbeiten wie an deiner Gitarre oder Geige."

Junge Kerle betreten den Raum durch Türen, die wie in einem Kabinett in der Wand versteckt sind. Huschen über cool abgewetzte Läufer. Werkeln in der offenen Technik-Zentrale im Zentrum des Raums. Computer, Monitore, Keyboards. Aus gläsernen Kuppeln tröpfelt schwaches Licht auf die Szenerie. In einer Ecke stehen acht Gitarren, auf einer Staffellei eine Lithographie. Könnte von Käthe Kollwitz sein.

Herr Zimmer, wonach entscheiden sie, welchen Auftrag Sie annehmen? "Regisseur und Drehbuch. In dieser Reihenfolge." Ernsthaft? "Ja. Ich habe bei vielen Filmen mitgearbeitet, die ein tolles Drehbuch hatten, aber keinen guten Regisseur. Und dann wurden es auch keine guten Filme. Und ich habe bei Filmen mitgearbeitet, die keine tollen Drehbücher hatten. ,The Thin Red Line'! Das Drehbuch hat mit dem Film nichts zu tun gehabt. Aber es war Terry!"

Das sind die besten Momente: wenn sich Zimmer in Rage redet. Terry ist natürlich Terrence Malick. Meisterregisseur. Kultisch verehrt. Überhaupt erwähnt Zimmer seine liebsten Kollegen nur mit Spitznamen. Bestes Beispiel: Chris = Christopher Nolan. Mit ihm machte Zimmer unter anderem "The Dark Knight". "Der Chris verteidigt einen gegenüber dem Studio. Das sind alles Bedenkenträger. Und man kann es ja auch verstehen: Da geben sie 100 Millionen Dollar für einen Film aus, und dann kommt der Hans Zimmer mit so einer dünnen Note für den Joker daher. Oder ,Sherlock Holmes'. Das war ein Christmas-Film, und ich habe Banjos benutzt! Um das durchzusetzen, braucht man den Regisseur als Kollegen. Man muss privat miteinander umgehen können. Nur so kann man etwas Radikales machen."

"Ich brauche ein bißchen Bedrohung durch den Nachwuchs"

Indikator für totale Zufriedenheit: wenn man von sich selbst in der dritten Person spricht. Deshalb jetzt eine fiese Frage: Unter den fünf Nominierten für den Filmmusik-Oscar 2017 waren vier junge Avantgarde-Musiker aus dem Indie-Bereich. Ist der klassische Soundtrack tot? "Ich bin so glücklich darüber. Jóhann Jóhannsson, der für ,Arrival' nominiert war, hat oft hier aufgenommen. Und Hauschka aus Düsseldorf! Ich bin sein Fan. Ich kenne seine Musik schon lange." Sie haben keine Angst vor den Jungen? "Ich brauche die Bedrohung ein bisschen. Und ich habe dieses Studio auch gebaut, um Junge zu fördern. Die haben alle hier angefangen. Die machen verdammt guten Kaffee, das kann ich Dir sagen." Super Satz, Machiavelli für Arbeitgeber. Augenzwinkernd vorgetragen. Dann zur Sicherheit, damit er nicht missverstanden wird, große Ansprache mit universell gültigem Finale: "Im Orchester lernt man als erstes, wie man gut hört, wie man auf den anderen hört, damit man ihn unterstützen kann. We can only make a beautiful noise, if we are all listening to each other." Nicken, Einverständnis, so true.

Zimmer geht bald auf Tournee. Ein Komponist von Filmmusik auf der Bühne. Warum? Antwort: Pharrell Williams ist schuld. "Er hat gesagt: Du musst hier mal raus, Hans!" Ich sagte: Ich habe doch Bühnenangst! Aber das sei egal. Und so habe ich mir überlegt, ich gehe auf Tour. Das Schöne daran: Ich muss keine Platte vorstellen. Ich kann einfach die Musik spielen, die ich spielen möchte. Ich muss nix verkaufen."

Man könnte ihm stundenlang zuhören. Heldengeschichten aus der Traumfabrik. Nur: Hans Zimmer muss jetzt weiterarbeiten, Träume zum Klingen bringen. Auf einmal strömen geschäftige Menschen in den Raum. Man mag noch gar nicht aufstehen, ist so schön hier. Letzte Frage zur Aufenthaltsverlängerung: Was vertont er lieber, Kuss-Szene oder Verfolgungsjagd? Zimmer lacht. "Kuss-Szene", sagt er. Der Grund? "Verfolgungsjagden sind für den Film das, was das Drumsolo bei einer Band ist: Nichts Neues kann passieren, bis sie vorbei sind."

Info Hans Zimmer tritt am 24. Mai in Leipzig und am 9. Juni in Frankfurt auf. Karten unter www.westticket.de

(hols)