Gomorrha am Grenzzaun Von Berlin aus in die Liebe

Gomorrha am Grenzzaun Von Berlin aus in die Liebe

"Sicario 2" ist noch brutaler als der Vorgänger. Emily Blunt fehlt allerdings sehr.

Das Timing für den Menschenschmuggel- und Drogenthriller "Sicario 2" ist perfekt: Flüchtlingsdramen an der Grenze von Mexiko und den USA machen seit Monaten Schlagzeilen. Der harsche Umgang der US-Behörden mit illegal eingewanderten Menschen aus Süd- und Mittelamerika ist in den Nachrichten. Donald Trumps zeitweilige Praxis, Zuwanderer einzusperren und sie von ihren Kindern zu trennen, löste einen internationalen Aufschrei der Empörung aus.

Drei Jahre nach dem Originalfilm "Sicario" ist die gefährliche Grenzwüste auch in der Fortsetzung erneut Hauptschauplatz. Etwa ein texanisches Kaff, ganz nah am Grenzzaun, wo der Teenager Miguel von Schmugglern zum Schlepper herangezogen wird. Der Newcomer Elijah Rodriguez spielt die Rolle des kaltblütigen Jungen ebenso überzeugend wie die junge Neuentdeckung Isabela Moner als abgebrühte Tochter eines Kartellbosses, die in Mexiko entführt wird.

Die bewährten Hauptakteure schlagen ebenfalls wieder zu. Josh Brolin als skrupelloser CIA-Agent Matt und Benicio Del Toro als wortkarger Killer sollen im Auftrag der US-Regierung einen Krieg zwischen den Drogenkartellen anzetteln. Matthew Modine spielt den US-Verteidigungsminister, dem alle Mittel recht sind, Catherine Keener eine hochrangige Geheimdienstlerin.

Doch leider fehlt eine Figur in dem hochkarätigen Ensemble: Emily Blunt verkörperte in "Sicario" eine toughe FBI-Agentin, die sich leidenschaftlich gegen den Drogenschmuggel einsetzt. In dem Geflecht aus Intrigen, Morden und einem dubiosen Doppelspiel ihrer Kollegen hatte sie eine komplexe Rolle, die dem Thriller Tiefgang verlieh. Zudem setzte der kanadische Regisseur Denis Villeneuve die Skriptvorlage von Taylor Sheridan damals atmosphärisch dicht um.

Blunt und die sensible Handschrift von Villeneuve werden in "Sicario 2" durch brutale Action ersetzt. Regie führt der Italiener Stefano Sollima, der zuvor die knallharte Mafia-Serie "Gomorrha" inszenierte. Schon in "Sicario" ging es hart zu, doch nun hat das FSK-Gremium die Altersfreigabe von damals 16 auf jetzt 18 Jahre hochgesetzt.

Der Action-lastige Thriller hat dennoch Momente, die nicht nur die Nerven anspannen, sondern auch das Herz berühren. Vor allem dann, wenn die Brutalität in dem hoffnungslosen Kartellkrieg durch den Blickwinkel der Jugendlichen gezeigt wird. Mit 16 Jahren hat die entführte Tochter des mächtigen Drogenbosses Carlos Reyes schon zu viel Gewalt gesehen, während der Teenager Miguel am Rand des Grenzzauns selbst einen Mord begeht. Er ist auf dem Wege, ein Sicario - ein Auftragskiller - zu werden.

Vielleicht in "Sicario 3": Drehbuchautor Taylor Sheridan hat bereits den dritten Teil in Aussicht gestellt. Da könnte auch wieder Emily Blunt mitmischen. Man würde sie gerne zurückbringen, heißt es.

Sicario 2, USA 2018 - Regie: Stefano Sollima, mit Benicio Del Toro, Josh Brolin, Isabela Moner, Catherine Keener, 123 Min.

"303" ist der deutsche Sommerfilm: ein Paar, ein Wohnmobil und der Süden.

Hans Weingartner gehört nicht zu den Regisseuren, die im Jahrestakt einen neuen Film lancieren. In seinem, bald zwei Dekaden währenden Filmschaffen hat Weingartner bisher gerade vier Spielfilme in die Kinos gebracht. Los ging es 2001 mit "Das weiße Rauschen", drei Jahre drauf folgte das bisher bekannteste Werk des Österreichers: "Die fetten Jahre sind vorbei" mit Daniel Brühl und Julia Jentsch. Jetzt bringt der 1970 geborene Filmemacher mit "303" ein schwärmerisches Roadmovie ins Kino. Es spielen Mala Emde und Anton Spieker.

Beide sind 24, beide studieren sie in Berlin. Jule ist just durch ihre Biochemie-Prüfung gerasselt, Politikstudent Jan hat das von ihm ersehnte Stipendium nicht erhalten. Und es gibt noch eine Gemeinsamkeit: Beide zieht es in den Süden Europas. Jule möchte zu ihrem Freund, der in Portugal an seiner Doktorarbeit sitzt; Jan endlich in Spanien seinen leiblichen Vater kennen lernen. An einer Raststätte begegnen sich Jan und Jule erstmals, sie bietet ihm einen Platz an in ihrem großen, alten Wohnmobil, einem Mercedes Hymer 303. Schnell gerät man ins Diskutieren, es geht um Selbstmord und die Frage, wie egoistisch so ein Suizid ist. Dass die hitzige Auseinandersetzung Auftakt sein könnte für eine wunderbare Liebesgeschichte, das freilich können die beiden da noch nicht ahnen.

Ein Film wie dieser, der zwar mit manch pittoresker Reise-Impression aufwartet, indes in großem Maße von seinen Dialogen lebt, funktioniert nur, wenn die Schauspieler ins Bild passen. Mala Emde als Jule und Anton Spieker als Jan passen mit ihrer jugendfrischen Verve tatsächlich ganz wunderbar in diesen sommerseligen, diesen lebensgierigen Film. Nach 145 Kinominuten jedenfalls lässt sich für diesen sonnendurchfluteten Liebesfilm schwerlich ein anderes, ein glaubwürdigeres Darstellerduo denken.

Weingartner selbst sagt über seinen neuen Film: "303 ist sozusagen der Anti-Tinder-Film. Statt drei Sekunden Wisch-und-Weg, die langsame Annäherung zweier Seelen". Tatsächlich gibt es außer wenigen Handy-Telefonaten kaum etwas Digitales in dem Film, nicht mal ein Navigationsgerät. Hans Weingartner gilt als politischer Kopf; man denke an seinen kapitalismuskritischen Film "Die fetten Jahre sind vorbei", den kulturpessimistischen "Free Rainer" (2007). In den, nur hier und da zu ausformuliert anmutenden Diskussionen zwischen Jule und Jan geht es denn auch immer wieder um Politik; den Gegensatz etwa von Kooperation und Konkurrenz oder darum, inwiefern Charles Darwins Ideen von den Kapitalisten missbraucht wurden.

Auch wenn die Anziehungskraft des Films im angeregten, kaum jemals abebbenden Austausch der Protagonisten mitbegründet liegt, so handelt es sich bei "303", diesem in Berlin, Brandenburg, Frankreich, Spanien und Portugal eingefangenen Road-Trip, doch vor allem um einen wunderschönen Liebes-, einen so eindringlichen wie romantischen Sommerfilm.

303, BRD 2018 - Regie: Hans Weingartner, mit Mala Emde, Anton Spieker, 139 Min.

(RP)
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