Filmpreis-Krise Wer braucht die Golden Globes noch?

Meinung | Düsseldorf · Verleihung ohne Publikum, geringes Interesse, heftige Kritik: Der einst zweitwichtigste Filmpreis hat an Strahlkraft verloren. Das Jubiläum im nächsten Jahr bietet die Gelegenheit zum Neuanfang.

Golden Globes 2024 - alle Gewinner der Verleihung
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Das sind die Gewinner der Golden Globes 2024

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Foto: dpa/Chris Pizzello

Der Lack ist ab von diesem Preis. Vielleicht kann man die Verkündung der Gewinner der Golden Globes 2022 auf diesen Nenner bringen. Sie wurden lediglich über die Sozialen Netzwerke bekanntgegeben. Eine Gala und eine TV-Show gab es nicht, und von kaum einer oder einem der Ausgezeichneten war ein Jubelschrei zu vernehmen. Es wirkt, als brauche den Golden Globe niemand mehr.

Vergeben werden die Ehrungen vom Verband der Auslandspresse (Hollywood Foreign Press Association). Im vergangenen Jahr hatte es an deren Besetzung und Auswahlverfahren heftige Kritik gegeben. Der Verband war wenig divers besetzt, er hatte zum Beispiel kein Mitglied mit schwarzer Hautfarbe. Es wurde zudem von Mauscheleien berichtet, gar von Bestechlichkeit. Scarlett Johansson rief zum Boykott der Golden Globes auf, Tom Cruise schickte seine drei Preise zurück. Vielleicht noch schlimmer für den von Sponsoren verwöhnten Verband: Firmen kündigten ihre Zusammenarbeit auf, und NBC setzte für 2022 die Übertragung ins Fernsehen aus, die 2021 ohnehin nur sieben Millionen Zuschauer hatte (im Jahr davor noch 18,4 Millionen). Plötzlich hieß es, die Globes seien ja überhaupt nur deshalb so populär gewesen, weil halt immer Stars da gewesen seien und die Partys so locker und champagnerselig waren.

Helen Hoehne, seit kurzem Vorsitzende des Verbands der Auslandspresse, verkündete vor der diesjährigen Preisvergabe, man habe einen Diversitätsberater konsultiert, einen neuen Vorstand gewählt und 21 neue Mitglieder aufgenommen, darunter sechs schwarze. Außerdem spende man reichlich an Wohltätigkeitsorganisationen. Deren Vertreter durften in der Nacht zum Montag dann auch hinter verschlossenen Türen im Beverly Hilton Hotel vor einer kleinen Gruppe von Angehörigen verlesen, wer die Globes bekommt. Die Namen wurden sogleich getwittert.

Große Gewinner des Preises, der selbst wie ein Verlierer anmutet, sind demnach die Filme „The Power Of The Dog“ von Jane Campion und „West Side Story“ von Steven Spielberg mit je drei Auszeichnungen. Nicole Kidman („Being The Ricardos“) und Will Smith („King Richard“) wurden für ihre schauspielerischen Leistungen ausgezeichnet. Hans Zimmer für seine Filmmusik in „Dune“. „Succession“ wurde wie schon 2020 als beste Serie benannt.

Die einst zweitwichtigste Preisverleihung der Film- und TV-Branche hat ihre Bedeutung verloren. Nun wird der Verband, dem 103 Journalisten angehören, weiter daran arbeiten müssen, Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Im nächsten Jahr feiern die Golden Globes ihren 80. Geburtstag. Es wäre ein guter Anlass, neu zu beginnen.

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