Düsseldorf: George Harrison - der stille Beatle

Düsseldorf: George Harrison - der stille Beatle

Hollywood-Regisseur Martin Scorsese drehte eine 200 Minuten lange Dokumentation über den Gitarristen der berühmtesten Band der Welt. Der sehenswerte Film, den es nun auf DVD gibt, zeigt einen rätselhaften Menschen, der sein Leben als Suche begriff.

Am Ende dieses Films spricht Ringo. Er sitzt in seinem Wohnzimmer und heult. Der krebskranke George hat seine letzten Tage in der Schweiz verbracht, erzählt er, er konnte nur noch liegen, und Ringo besuchte ihn. "Ach, George", seufzte Ringo damals beim Abschied, "ich muss nun weiter nach Boston. Dort liegt meine Tochter im Krankenhaus. Sie hat einen Gehirntumor." George habe einen Moment gezögert, er sammelte Kraft, und dann sagte er: "Soll ich mitkommen, Ringo?"

George Harrison starb vor zehn Jahren, und nun widmet Regisseur Martin Scorsese dem zeitlebens als "stiller Beatle" geltenden Mann ein 200 Minuten langes Porträt auf DVD. Begleitend erscheint ein Bildband von Harrisons Witwe Olivia — beide Veröffentlichungen tragen den Titel "Living In The Material World". Zu entdecken ist eine faszinierende Künstlerpersönlichkeit, ein sehnsüchtiger Mensch, den viele unterschätzten und als Esoteriker belächelten.

Gekleidet wie ein Teddy Boy

George Harrison wurde von Paul McCartney zu den Beatles geholt, er kleidete sich damals wie ein Teddy Boy: lange Anzugjacke, enge Hosen, die Haare wie Elvis zur Tolle gekämmt. Als die Band 1960 von Liverpool nach Hamburg ging, war Harrison erst 17, und während seiner Mitgliedschaft in der wichtigsten Popgruppe der Welt behandelten ihn die anderen wie einen kleinen Bruder: Seine Komposition wurden gelobt, aber für zu leicht befunden — darunter Klassiker aus Harrisons späterer Solokarriere wie "All Things Must Pass" und "Wah-Wah". Ringo und George hatten zu spielen, was John und Paul sich ausdachten, so lief das.

Scorseses Film ist im ersten Teil arg insiderisch, für Beatles-Kenner jedoch ein Fest. Bei Scorsese ist Paul McCartney derjenige, der die Musiker immer wieder ins Studio trieb. Eric Clapton, Tom Petty, die Monty-Python-Komiker, George Martin, Klaus Voormann und Jane Birkin berichten, wie es zuging in den Swinging Sixties: Dass man morgens aufwachte, sich zum Frühstück traf und überlegte, ob man nun im Rolls-Royce zu den Rolling Stones ins Studio fuhr oder auf eine Party. McCartney beendete solche ausschweifenden Phasen, er organisierte die Plattenaufnahmen, setzte sich kurz vor den anberaumten Terminen mit John Lennon zusammen und komponierte an einem Abend vier Songs. Ein Wunder, dass bei der Arbeitsweise in rascher Folge diese großartigen Alben entstehen konnten.

Erst in der Spätphase der Beatles begann das Talent Harrisons zu leuchten. Die Musiker waren zerstritten, Ringo Starr stieg zeitweise sogar aus, und wenn man die Szenen sieht, in denen sie "Hey Jude" einspielen, spürt man die Kälte. Sie diskutieren, ob sie das Lied ohne Gitarren aufnehmen sollen. Harrison sagt, er verlasse die Gemeinschaft, wenn sie es täten, und Lennon entgegnet: "Okay, dann engagieren wir Clapton." Zur Versöhnung trafen sie sich meist in Ringos Haus, aber die guten Vorsätze hielten nie allzu lange. "Wir hatten uns über", sagte Harrison.

Ein Herrenhaus mit verwildertem Garteb

Harrison trug die Stücke "Something", "While My Guitar Gently Weeps" und "Here Comes The Sun" zu den letzten Platten bei, er suchte da bereits sein Heil in der Spiritualität Indiens und die Wahrheit auf LSD-Trips. Rührend zu hören sind die Briefe an die besorgten Eltern vom Besuch bei Bhagwan: "Liebe Mum, bitte denk nicht schlecht über den Maharishi."

George Harrison kaufte sich nach der Trennung der Beatles ein viktorianisches Herrenhaus mit verwildertem Garten, Friar Park in Oxfordshire. Man muss sich das vorstellen: Er war 27 Jahre alt, Multimillionär, und er konnte machen, was er wollte. Also gärtnerte er erst mal und brachte allmählich alle Songs heraus, die sich aufgestaut hatten. Es wurde eine Dreier-LP, sein größtes Werk: "All Things Must Pass" mit dem berühmten Gartenzwerg-Cover. Die Kritiker waren voll des Lobes — noch. Über die folgenden Platten wurde zumeist weniger freundlich geurteilt.

Bei Scorsese kann man dabei zusehen, wie Harrison seine Jugendlichkeit verlor. Falten gruben sich in sein Gesicht, die Haut wirkte plötzlich so grau, die Drogen-Experimente wurden wilder, und es folgte die erste Krebs-Diagnose. Harrison verlor seine erste Frau Patty an Eric Clapton, der die Songs "Layla" und "Wonderful Tonight" für sie geschrieben hatte. Er heiratete Olivia Trinidad Arias, Sekretärin seiner Plattenfirma, bekam mit ihr einen Sohn. Ringo Starr blieb stets ein Freund, und zu den Höhepunkten des Films gehört das Fernsehinterview der beiden aus dem Jahr 1980. George: "Ich hörte 1964 auf, zu Partys zu gehen." Ringo: "Ich erst 1980." Und dann lachten sie.

"Das Leben des Bryan" produziert

Harrison suchte sich Gleichgesinnte, mit denen er zusammenarbeitete: Er organisierte 1971 mit Ravi Shankar die Benefiz-Veranstaltung "Concert For Bangladesh", gewissermaßen Vorläufer von "Live Aid". Er ließ sich von Formel-1-Weltmeister Jackie Stewart für den Rennsport begeistern. Er produzierte 1979 "Das Leben des Brian" von Monty Python — von heute auf morgen besorgte er vier Millionen Pfund, weil er nach Lektüre des Drehbuchs Lust hatte, den Film zu sehen. Und er gründete mit Bob Dylan, Jeff Lynne, Roy Orbison und Tom Petty die Travelling Wilburys, deren Song "Handle With Care" 1988 zum Hit wurde.

Scorsese nähert sich Harrison an, aber er stößt nicht vor bis zum Grund dieser Persönlichkeit. Das macht die Spannung des Films aus. Harrison bleibt ein Rätsel. "Er war ein Lamm. Und ein Wüterich", sagt Ringo Starr. Kurz vor seinem Tod wurde Harrison 1999 von einem Geistesgestörten in Friar Park überfallen. Der Mann ging mit einem Speer auf ihn los, doch der verletzte Harrison konnte ihn niederringen. Danach sagte er zu seiner Frau: "Ich will nun allmählich loslassen."

Kaum zwei Jahre später starb er.

Hier geht es zur Bilderstrecke: George Harrison auf Walk of Fame verewigt

(RP/das/top/csr)
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