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"Frau im Dunkeln": Das Böse unter der Sonne: Filmkritik

„Frau im Dunkeln“ : Das Böse unter der Sonne

Olivia Colman brilliert in der Bestsellerverfilmung „Die Frau im Dunkeln“ nach dem Roman von Elena Ferrante. Die Produktion, die nun im Kino startet und dann bei Netflix läuft, beginnt als Sommer-Idylle. Am Ende ist sie ein Psychothriller.

Leda Caruso reist mit mehreren Koffern voller Bücher auf eine griechische Insel – so stellt man sich die Sommerfrische einer Literatur-Professorin aus Cambridge in Boston vor. Die 48-Jährige bezieht ein Haus nahe am Meer, der Leuchtturm wischt nachts in stoischer Regelmäßigkeit mit einem gelben Tuch über die Fenster, und tagsüber genießt Leda das Alleinsein am Strand: bisschen lesen, mal etwas notieren, Cornetto-Schoko essen und dabei Leute beobachten. Als sie sich eines Nachmittags aus der vom Vermieter bereitgestellten Obstschale bedient, wird klar, dass der Film nicht so idyllisch weitergehen wird: Die Früchte sehen von oben köstlich aus, sind unten aber vergammelt und von Würmern zerfressen.

„Frau im Dunkeln“ heißt das Regie-Debüt der Schauspielerin Maggie Gyllenhaal. Die Produktion basiert auf dem Bestseller von Elena Ferrante. Gyllenhaal wollte die Rechte an dem Text so sehr, dass sie sich einen Monat lang mit dem Entwurf eines Briefs an die Autorin herumschlug. Er sollte überzeugend sein und ihre Faszination zum Ausdruck bringen, er sollte perfekt sein. Das Okay kam rasch, war jedoch an eine Bedingung geknüpft: Gyllenhaal solle selbst Regie führen, bat Elena Ferrante. Der Name der Autorin ist ein Pseudonym, sie hält ihre Identität geheim, und das obwohl seit Jahren Journalisten versuchen, sie zu enttarnen. Die italienische Schriftstellerin wurde durch die zwischen 2011 und 2014 erschienene „Neapolitanische Saga“ zum Weltstar. Darin erzählt sie in vier Romanen die Geschichte der Freundschaft von Lila und Elena.

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Fans dieser Romanreihe dürften einige Motive in Ferrantes bereits 2006 erschienener „Frau im Dunkeln“ wiedererkennen. Die Hauptfigur des Romans ist eine geschiedene Frau, die zu ihren beiden Töchtern ein kniffliges Verhältnis hat. Erst allmählich gewähren Buch und Verfilmung Einblicke in diese Innenwelt von Leda Caruso. Es ist dunkel darin, es rumort, und giftig ist es auch.

Olivia Colman („The Crown“) spielt das umwerfend. Ihr zunächst heiterer Blick auf die Bucht unter dem hellblau aufgespannten Himmel wird zunehmend von Argwohn verdüstert. Eine laute und zudringliche amerikanische Großfamilie reist an, darunter die junge Mutter Nina (Dakota Johnson), die mit ihrer kleinen Tochter überfordert wirkt. Leda sieht ihr zu, mitleidig, sie erinnert sich an früher, und in einer zweiten Handlungsebene sieht man sie vor zwei Jahrzehnten in der Mühle zwischen akademischer Karriere, Partnerschaft und Kindersorge. Sie verließ ihre Familie, sah ihre Kinder drei Jahre lang nicht, trennte sich von ihrem Partner. Schuldgefühle, Sehsucht.

 Olivia Colman spielt die Literaturprofessorin Leda Caruso.
Olivia Colman spielt die Literaturprofessorin Leda Caruso. Foto: Netflix

Gyllenhaal inszeniert die Geschichte als Psychokrimi. „Das Böse unter der Sonne“, könnte man ihn nennen. Bemerkenswert ist die Kamera von Helene Louvart. Sie geht dicht an die Körper heran, zeigt Gesichter in Großaufnahme; manchmal weiß man gar nicht, zu welchem Körperteil die Hautfläche gehört, die da gerade im gleißenden Sonnenlicht zu sehen ist. So ergibt sich der Eindruck mangelnden Überblicks. Puzzle-Chaos der Mikro-Ausschnitte, man verliert sich in der Nähe. Schwindel, Gefühle.

Als die Tochter der jungen Mutter am Strand ihre Puppe verliert, ist das Drama groß. Verzweiflung, nicht enden wollendes Geschrei, tagelange Krise. Leda gibt vor, bei der Suche zu helfen, doch abends liegt sie auf dem Sofa, sie schmiegt sich an etwas, und als man erkennt, dass es die Puppe ist, spürt man eine Gänsehaut.

Eine Puppe war es auch, die die lebenslange Freundschaft zwischen Lila und Elena in der „Neapolitanischen Tetralogie“ bezeugte. In „Die Frau im Dunklen“ erzählen die Augen der Puppe eine Lebensgeschichte. Es ist die einer Mutter, die Angst, Fürsorge, Einflüsterungen und Zuneigung nicht ins Gleichgewicht bekam. Nun reibt sie sich zwischen Empathie und Verachtung auf. „Wer sie nahm, soll sterben“, so verwünscht Ninas Familie irgendwann den noch unbekannten Dieb der Puppe. Es ist eines der vielen in den Film eingestreuten Vorzeichen von Unheil und Verfall.

„Frau im Dunkeln“ ist ebenso Thriller wie Charakterstudie. Am Ende gibt es einen Showdown im Haus mit den vergammelten Früchten. Menschen sind extrem, denkt man. Und: Keiner kann aus seiner Haut.