Filmkritik Zwuschen den Zeilen von Olivier Assayas

„Zwischen den Zeilen“ von Olivier Assayas : Ein Film voller Wörter

In „Zwischen den Zeilen“ mit Juliette Binoche wird allzu viel geredet.

(dpa) Was passiert mit dem geschriebenen Wort in Zeiten der Digitalisierung, in Zeiten von Twitter und Blogs? Haben gedruckte Bücher da überhaupt noch eine Zukunft? Fragen wie diesen spürt Olivier Assayas in seinem neuen, mit vielen komödiantischen Tönen angereicherten Film nach.

Diesmal hat er sich mit Darstellern wie Juliette Binoche zusammengetan und nimmt uns mit ins französische Intellektuellenmilieu. Es sind nicht nur Fragen rund ums Verlagswesen, die Assayas hier umtreiben. Es geht auch um Zwischenmenschliches. „Ich dachte, niemand liest mehr Bücher.“ Mit dieser, fast zu einer Art Leitmotiv werdenden Feststellung, beginnt ein Film, der sich voll und ganz einem Milieu verschrieben hat: das des Pariser Literaturbetriebs. Eine Diskussion folgt hier auf die andere. Mittendrin: der als Schriftsteller nur mäßig erfolgreiche, aber recht bekannte Léonard (Vincent Macaigne). Freimütig bekennt Léonard, dass er ohne die Unterstützung seiner Frau (die für einen Politiker arbeitet) auf Sozialhilfe angewiesen wäre.

Zum Essen lässt er sich dann auch gern von seinem Verleger, dem so aparten wie undurchsichtigen Alain, einladen. Gekonnt umschiffen beide dabei die eigentliche Frage: Wird Alain Léonards neuen Roman veröffentlichen? Seit 20 Jahren an Alains Seite ist Selena, eine von Binoche mit Mut zur äußerlichen Wandlung verkörperte Schauspielerin. Seit Jahren unterhält Selena ausgerechnet mit Léonard eine Affäre. Aber auch Alain ist kein Kind von Traurigkeit: Schnell landet er mit der neuen Digitalisierungsbeauftragten seines Verlags im Bett.

In den ersten zehn Minuten des dialoglastigen Films fallen mehr Worte als in manch amerikanischem Durchschnitts-Eineinhalbstünder. Fast atmet man etwas durch, als es nach rund einer Stunde in diesem Film mal nicht um die Zukunft des Schreibens, die Zukunft des Wortes geht, sondern schlicht und banal um: Fußball. Assayas nimmt jetzt außerdem etwas Tempo raus, die Räume öffnen sich, die Bilder beginnen zu atmen, filmischer zu werden. Auch geht es nun endlich mal um die Figuren selbst, ihre Gefühle, ihre Sorgen.

Bei allen unbestreitbaren Stärken des 107-Minüters – darunter, nicht zuletzt, das charmant-unaufdringliche Spiel von Juliette Binoche – präsentiert sich „Zwischen den Zeilen“ alles in allem doch als etwas zu unentschlossene Mélange aus verfilmtem Feuilleton und einer nicht gänzlich ernst zu nehmenden Beziehungskomödie.

Die Fragen gleichwohl, die dieser Film verhandelt, sind von großer Relevanz. Nicht nur für das geschriebene Wort und die Literatur. Auch die Kunstform Kino ist ja in vielerlei Hinsicht von der Digitalisierung betroffen und muss sehen, wo sie bleibt in Zeiten von Streaming-Diensten.

Zwischen den Zeilen, Frankreich 2018 – Regie: Olivier Assayas, mit Guillaume Canet, Juliette Binoche, Vincent Macaigne, Christa Théret, 107 Min.

(dpa)
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