Filmkritik "Rocketman"

Film-Biographie :  Junger Mann zum Abheben gesucht

So verfilmt man Rockgeschichte: „Rocketman“ erzählt die wechselhafte Karriere Elton Johns als Glam-Musical mit Herz.

Natürlich wird hier die Biografie eines Popstars aufgefächert, aber man kann „Rocketman“ auch als Hymne auf die Freundschaft betrachten. Die schönste Szene ist dann die, in der Bernie Taupin seinen Kumpel Elton John in der Entzugsklinik besucht. Taupin schrieb ja von Beginn an die Texte für Elton John, der erfand dann Melodien zu den Versen, das war die Arbeitsteilung. Und nun sitzen sie also neben einander auf einer Parkbank, sie haben zusammen ganz schön was erlebt. Der eine muss gleich schon wieder los, und der andere ist völlig runter mit den Nerven und körperlich sowieso, denn er hat sich 16 Jahre lang alles gegeben, was in den Chemielabors an Uppern und Downern so gebraut wurde.

„Bleib noch“, bittet Elton John, aber Taupin sagt, dass das hier eine Party sei, die der Freund alleine feiern müsse. Er habe allerdings etwas für ihn. Dann schmunzelt er, überreicht einen Umschlag, nennt den Kompagnon zärtlich einen Bruder und geht. Elton John huscht sogleich ins Arbeitszimmer des Klinikdirektors, weil dort ein Klavier steht. Er zieht den Text aus dem Umschlag, schlägt ein paar Tasten auf dem Piano an, und allmählich merkt der Zuschauer, welches Lied Elton John da gerade geschenkt bekommen hat – es ist der richtige Song zur richtigen Zeit: „I’m Still Standing“.

„Rocketman“ heißt dieser schöne Film; er erzählt die wechselhafte Karriere des Mannes, dessen berühmtester Song der Produktion den Titel leiht: Elton John. Dexter Fletcher führte die Regie, das ist der Mann, der Bryan Singer als Regisseur von „Bohemian Rhapsody“ abgelöst hat, als das Projekt zu scheitern drohte. Fletcher kann Musik in Bilder übersetzen, ja: Er kann Musik erzählen. Und er hat verstanden, worum es im Werk Elton Johns geht, deshalb macht er aus dessen Vita ein Musical, eine Glam-Revue. Sein Film swingt, glitzert und hat ein Herz, und ein Beispiel für seine Originalität ist die frühe Szene, in der ein jugendlicher Elton-John-Darsteller „Saturday Night’s Alright For Fighting“ in einem Pub spielt, auf die Straße tritt, in sein Erwachsenenleben tanzt und en passant an den eigentlichen Hauptdarsteller Taron Egerton übergibt.

Ihren Rahmen bekommt die Handlung durch eine Therapiesitzung, in die sich Elton John im Bühnenkostüm eines Feuervogels vor einem Auftritt in New York flüchtet. Er sei alkohol-, kokain, fress- und einkaufssüchtig, sagt er im Stuhlkreis, und dann springt die Erzählung zurück in seine Jugend: England, dunkles Haus, erst abwesender, dann gefühlskalter Vater, unzuverlässige Mutter, nur die Oma ist nett. Der kleine Reginald Kenneth Dwight, wie Elton John wirklich heißt, hat ein Talent, es ist das Klavierspiel, das hält ihn aufrecht. Du wirst nie jemanden finden, der dich liebt, prophezeit die Mutter dem homosexuellen Sohn, aber das stimmt nicht, denn da ist die Musik, da sind die Fans, und da ist Bernie Taupin, der platonische Freund und Lebensmensch. Ihn lernt er über den Plattenboss kennen, bei dem Elton John vorspielt: Der eine kann Wörter, der andere Töne, gemeinsam sind sie der Hit.

Taupin träumt von Cowboys und den USA, Elton John von einem Himmel, an dem Swarovski-Sterne funkeln, und mit jedem Lied kommen sie ihren Fantasien näher. Die Texte steckt Taupin stets in braune Umschläge, bevor er sie Elton John überreicht, und einmal holt der ein neues Stück heraus, als er in Unterhose und Bademantel am Frühstückstisch seiner Familie sitzt. Er liest und spielt Klavier dazu, er erfindet eine Melodie, er singt „It‘s a little bit funny / this feeling inside“, und dann denkt man, dass diese beiden Menschen Genies sind, weil sie einen Vers mit einer Melodie so gut einzuölen verstehen, dass er ins Hirn von Millionen Menschen flutscht und nicht mehr daraus zu entfernen ist.

Der Film achtet nicht auf Chronologie, die Songs werden wie aus einer Jukebox zugespielt, wie sie gerade zur Stimmung passen, auch wechselt die Erzählung zwischen Fakten und Fiktionen. Manchmal fühlt man sich an Julien Temples Musikfilm „Absolute Beginners“ mit Patsy Kensit aus den 80er Jahren erinnert, zu dem David Bowie das großartige Titellied sang. Manchmal gibt es phantastische Szenen, etwa wenn Elton John waagerecht über seinem Piano schwebt, als er erstmals in L.A. auftritt. Aber so fühlen sich Konzerte eben an, wenn sie gelingen, genauso ist das nun mal, und so muss man das dann auch filmen.

Hauptdarsteller Taron Egerton singt alle Lieder selbst, er macht das gut. Giles Martin, der Sohn von Beatles-Produzent George Martin, ist der musikalische Direktor. Lee Hall („Billy Elliot“), schrieb das Drehbuch. Kann also nix schiefgehen: Las Vegas auf der Leinwand, Broadway im Breitwand-Format.

„Rocketman“ wollte zunächst kein Studio herausbringen, einem 120 Millionen Dollar teuren Film über einen schwulen Rockstar mit einem mäßig bekannten Hauptdarsteller, der mit „Robin Hood“ zuletzt zudem einen enormen Flop zu verkraften hatte, traute niemand einen Erfolg zu. Die vier Oscars und das Einspielergebnis von 908 Millionen Dollar für „Bohemian Rhapsody“ führten schließlich zum Sinneswandel. Und inzwischen sieht Hollywood Biopics über Musiker als das nächste große Ding an: Baz Luhrmann, so hört man, arbeitet an einer Produktion über Elvis, mit „Once Upon A One More Time“ ist ein Britney-Spears-Märchen-Musical in der Mache, ebenso Filme über Madonna, David Bowie und Celine Dion.

„Rocketman“ ist ein Kostümfilm der anderen Art, flamboyant, überkandidelt und genau deshalb total wahrhaftig. Lady Diana kommt übrigens nicht vor, Elton Johns Lebenspartner David Furnish auch nicht, obwohl er zum Produzententeam gehört, Und auch der legendäre 90. Geburtstag von Elton Johns Mutter wird nicht erwähnt: Die beiden sprachen damals nicht miteinander, so geht der Mythos, deshalb ließ die Mutter einen Doppelgänger des Sohnes zu ihrem Fest kommen.

Stattdessen sieht man die Geschichte eines Jungen, der geliebt werden möchte: Der Popstar als Menschenkind. Der Song „I Want Love“ liefert das Leitmotiv dieser zwei Stunden. Das Happy End findet in der Wirklichkeit statt: Die meisten Konzerte von Elton Johns Abschiedstournee sind ausverkauft.

Rocketman, USA, Großbritannien 2019 Regie: Dexter Fletcher, mit Taron Egerton, Richard Madden, Jamie Bell, 121 Min.

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