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Filmkritik "Nord bei Nordwest" mit Hinnerk Schönemann in der ARD

„Nord bei Nordwest“ : Columbo von der Ostsee

In der ARD-Mediathek schlummert eine sehenswerte Krimireihe. Hinnerk Schönemann macht aus „Nord bei Nordwest“ ein großes Vergnügen.

Hannah Wagner (Jana Klinge) hat bei einer Geschwindigkeitskontrolle einen Aktenkoffer mit einem abgetrennten Daumen konfisziert. Sie solle mal den Fingerabdruck kontrollieren, regt Kollege Hauke Jacobs (Hinnerk Schönemann) an. Er habe so ein Gefühl, dass sich da was in der Verbrecherkartei findet. „Sie haben Gefühle?“, fragt die Polizistin mit echtem wie gespieltem Erstaunen. „Ja, ab und an“, sagt Jacobs, um nach einem gedehnten Pause hinzuzufügen: „Aber es fällt mir schwer darüber zu reden.“ Dazu wackelt er leicht linkisch mit dem Kopf, so wie es nur Hinnerk Schönemann kann.

Die verborgenen Gefühle des Polizisten sind ein „running gag“ in der ARD-Krimireihe „Nord bei Nordwest“, die sich seit 2014 in loser Folge eine treue Fangemeinde aufgebaut hat. Schönemann ist ein Meister darin, beim emotionalen Versteckspiel auch immer wieder etwas hervorblitzen zu lassen. Er hat seinen wortkargen Ermittler mit einem spröden nordischen Charme ausgestattet, macht mit windzerzaustem Haar auf dem Boot stets eine gute Figur, blickt überzeugend melancholisch auf die trübe Ostsee hinaus und lässt gelegentlich kurz, aber effizient seinen jungenhaften Schalk in den Augen aufblitzen. Ein bisschen hat er sich was von Colombo abgeguckt – dem Godfather des TV-polizeilichen Understatements.

Die Uncoolness bestimmt die Attraktivität des Ermittlers, der immer woanders zu sein scheint, aber plötzlich ganz da ist, wenn es zur Sache geht. Aber zurück zu dem abgeschnittenen Daumen. Der ist wieder so eine Botschaft aus der Vergangenheit, die den Veterinär und Dorfpolizisten gelegentlich einholt. Schließlich hat Hauke Jacobs, bevor er an der Ostsee im Rahmen des Zeugenschutzprogramms untertauchte, als V-Mann gegen die italienische Mafia ermittelt. Der Daumen gehört zum Sohn des Paten, der nach vielen Jahren immer noch schlechte Gefühle gegen den Polizeispitzel hegt, aber nun selbst von einem konkurrierenden Drogenhändlerring unter Druck gesetzt wird. Und dann ist da noch der Backentaschenaffe, der mit einer offenen Wunde am Nacken in die Tierarztpraxis eingeliefert wird und möglicherweise zum Opfer illegaler Tierversuche wurde.

Wieder ganz schön was los im fiktiven Landkreis Schwanitz, dessen provinzielle Beschaulichkeit mit Locations auf der Halbinsel Priwall, der Insel Fehmarn sowie den Gemeinden Hohenhorn und Steinburg zusammengesetzt wurde. Drehbuchautor Niels Holle, der das Zepter des Serienerfinders Holger Karsten Schmidt übernommen hat, arbeitet in „Im Namen des Vaters“ mit einer überraschenden Action-Dichte. Gleichzeitig lässt er genug Luft für den krude-trockenen Humor, der zum Markenzeichen von „Nord bei Nordwest“ gehört, aber auch für die Entwicklungen im Beziehungsdreieck zwischen Jacobs, der Tierarzthelferin Jule Christiansen (Marleen Lohse) und der neuen Revierpolizistin Hannah Wagner.

Wie schon in den letzten beiden Folgen überzeugt Jana Klinge erneut in „Im Namen des Vaters“ als patente Gesetzeshüterin, die nicht nur Kriminalfälle lösen, sondern sich auch den sonderbaren Kollegen entschlüsseln muss. Die wortlosen Blickduelle, die sich Schönemann und Klinge liefern, sind einfach klasse. Zudem wird die unausgesprochene Romanze zwischen Veterinär und rotgelockter Tierarzthelferin recht unterhaltsam um ein paar Grad weiter erhitzt.

Im verflixten siebenten Sendejahr ist es gelungen, mit den drei neuen Folgen frischen Wind ins Unternehmen zu bringen, was das deutsche Publikum im Lockdown-Modus mit satten Einschaltquoten von jeweils über 8 Millionen Zuschauern goutierte.

Info „Nord bei Nordwest: Im Namen des Vaters“ ist in der ARD-Mediathek zu sehen.