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Filmkritik: Niemand ist bei den Kälbern

„Niemand ist bei den Kälbern“ : Kuhstall-Tristesse statt Landlust

In „Niemand ist bei den Kälbern“ wirft Regisseurin Sabrina Sarabi einen desillusionierenden Blick auf das Landleben. Hauptdarstellerin Saskia Rosendahl ist Herz und Seele der Produktion.

Von wegen Idylle. Die Tage auf dem Bauernhof in Nordwestmecklenburg reihen sich in sommerlicher Monotonie aneinander. Die Fliegen summen unentwegt in der Stube. Die Kühe muhen ohne Unterlass und scheinen sich mehr zu sagen zu haben als die Menschen, von denen sie bewirtschaftet werden. Christin (Saskia Rosendahl) ist in dem Dorf aufgewachsen und nie weggekommen. Anders als ihre Mutter, die einfach abgehauen ist und die Tochter mit dem alkoholkranken Vater zurückließ, der nun in seiner Plattenbauwohnung pöbelnd verwahrlost. Der Milchviehhof, auf dem Christin lebt, gehört den Eltern ihres Freundes. Schon in jungen Jahren droht Jan (Rick Okon) an der landwirtschaftlichen Pflichterfüllung zu ersticken und kommuniziert mit ihr nur in herausgebellten Hauptsätzen. Dem Schwiegervater ist Christin sowieso zu faul.

In bauchfreien Tops und knallengen Shorts streunt sie durch Stall und Feld. Hinter der Weide stehen ein paar Windkrafträder. Klaus (Godehard Giese), der die Anlage wartet, ist anders als die Kerle hier in der Gegend. Er stellt Fragen wie „Wovon träumst du?“, die Christin mit einem Achselzucken beantwortet. Irgendwas Eigenes. In der Stadt. Vielleicht.

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Der etwas ältere Ingenieur aus Hamburg könnte ihr Ticket raus aus der dörflichen Enge sein. Und so schleicht sich Christin in knapper Trikotage immer wieder zu den Windrädern. Sie glaubt, dass ihre sexuelle Attraktivität das Einzige ist, das sie in die Waagschale für ein besseres Leben werfen kann. Jedesmal wenn sie sich umzieht, ist das aber auch ein schriller Protest gegen die provinzielle Tristesse, die sie umgibt.

Mit „Niemand ist bei den Kälbern“ verfilmt Sabrina Sarabi („Prélude“) den gleichnamigen Roman von Alina Herbing. In ihrem Buch rechnete die Autorin, die im Alter von sieben Jahren mit ihren Eltern aus Lübeck in ein kleines Dorf in Nordwestmecklenburg zog, mit dem verklärten Blick auf das Landleben gründlich ab. Und auch Sarabis Film hat nichts mit den photogeshopten „Landlust“-Fantasien zu tun, die sich Städter gerne bei einer Tasse grünem Tee auf dem heimischen Sofa anschauen.

Unbarmherzig brennt die Sommersonne vom Himmel und leuchtet die kulturelle wie seelische Leere in der dörflichen Provinz aus. Dabei bleibt die Kamera stets dicht an der weiblichen Hauptfigur dran, die von jungen Männern begafft und von den Alten als Nutte beschimpft wird.

Saskia Rosendahl ist großartig in der Rolle dieser zutiefst indifferenten jungen Frau, die keine Perspektive für sich sieht, aber ihre ungestillten Sehnsüchte nicht aufgeben will. Die gebürtige Hallenserin, die als Achtzehnjährige in „Lore“ (2012) ihr fulminantes Leinwanddebüt gab und zuletzt in „Fabian“ ihr Star-Potenzial unter Beweis stellte, gelingt etwas, das nur wenigen gelingt: Sie macht die Langeweile ihrer Figur interessant, indem sie das Verlangen und die Verzweiflung hinter der Mauer der Agonie sichtbar werden lässt.

Niemand ist bei den Kälbern, Regie: Sabrina Sarabi, mit Saskia Rosendahl, Rick Okon, Godehard Giese, 116 Min.