Filmkritik "Motherless Brooklyn" mit Edward Norton

Buch von Jonathan Lethem : New York Noir

Edward Norton macht aus dem Roman „Motherless Brooklyn“ einen tollen Film.

Wer an den Film Noir denkt, dem fällt zuallererst Humphrey Bogart ein. Attraktiv, undurchsichtig und durchzogen von Zynismus waren seine Figuren, auf deren moralischen Kompass man sich besser nicht verlassen sollte. Lionel Essrog, den Edward Norton in seiner Genre-Hommage und zweiten Regiearbeit „Motherless Brooklyn“ spielt, ist all das nicht.

Vollkommen uncool und tief im Herzen ein anständiger Kerl, entspricht der Privatermittler, der sich im Jahre 1957 durch den New Yorker Sumpf aus Korruption und Verbrechen arbeitet, so gar nicht den Vorgaben des Film Noir. Lionel leidet unter anfallartigen Tics, bei denen die Worte unkontrolliert aus ihm herauspurzeln. „Mein Gehirn fühlt sich an wie aus Glas“ sagt er, denn in den Wortkaskaden, die das Tou­rette-Syndrom aus ihm herausbrechen lässt, finden sich oft unausgesprochene Wahrheiten und versteckte Gefühle.

Nachdem sein Chef Frank (Bruce Willis) ermordet wird, beginnt Lionel auf eigene Faust zu recherchieren. Seine Tics prädestinieren ihn vielleicht nicht als unauffälligen Ermittler, aber einen Vorteil hat das Handicap: Die Menschen unterschätzen ihn. Seine Nachforschungen führen Lionel in zwei Richtungen: Zum einen zu dem mächtigen Baustadtrat Moses Randolph (Alec Baldwin), der seine stadtplanerischen Visionen ohne Rücksicht auf Verluste durchsetzt und dabei vornehmlich afroamerikanische Arbeiterbezirke platt machen lässt.

Nicht nur in die korrupten, urbanen Machtstrukturen arbeitet sich Lionel ein, sondern auch in die Lebenswelt Harlems und landet dabei immer wieder in einem Jazz-Club. Als der Trompeter (Michael K. Williams) zu einem kongenialen Solo ausholt, brechen im freien Fluss der Musikimprovisation auch Lionels Dämme. Die körperlichen Zuckungen und der Wortschwall verbinden sich mit dem Jazz zu einem kurzen, ekstatischen Moment der Befreiung. Ähnlich wie hier Tics und Musik ineinander greifen, entwickelt sich auch die zunehmende Dynamik des Plots, in dem politische Korruption und private Schuldverstrickungen eng miteinander verbunden sind.

Mit „Motherless Brooklyn“ ist Norton ein moderner Film Noir von erstaunlicher, künstlerischer Kohärenz gelungen. Das erlesene Retro-Setting, die elegante Kameraarbeit von Dick Pope, der Offbeat-Rhythmus der Erzählung und der exzellente Jazz-Soundtrack greifen hier ungeheuer geschmeidig ineinander. Ganz zu schweigen von dem herausragenden Ensemble: Alec Baldwin als Immobilien-Tycoon, Willem Dafoe als verwahrloster Star-Architekt und Gugu Mbatha-Raw, die das düstere Noir-Setting wie ein Kaminfeuer zum Glühen bringt.

Motherless Brooklyn, USA 2019 – Regie: Edward Norton, mit Edward Norton, Gugu Mbatha-Raw, Alec Baldwin, Willem Dafoe, 145 Min.