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Filmkritik: Monte Verita

„Monte Verità“ : Sinnsuche auf dem Berg

Der Spielfilm „Monte Verità“ erzählt vom Aussteiger-Paradies des frühen 20. Jahrhunderts. Der Berg der Wahrheit zog damals Menschen an, die von einer freieren Gesellschaft träumten. Unter ihnen war auch der Schriftsteller Hermann Hesse.

Nackte Menschen tanzen um ein Lagerfeuer im Wald, Hanna dagegen schnüren das Korsett und die hochgeschlossene Bluse regelrecht den Atem ein. Die junge Wienerin (Maresi Riegner) leidet unter Asthma und folgt 1906 ihrem Arzt auf den Monte Verità, den Ort der Wahrheit – raus aus der Enge ihrer Ehe, hinein in ein Leben voller „Kraft – Liebe – Freiheit“.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Monte Verità ein Ort der Sinnsucher. Auf dem Berg oberhalb von Ascona im Tessin versammelten sich Künstler, Aussteiger, Nudisten, Vegetarier und Friedensbewegte, um eine neue Gesellschaftsform zu finden.

Auf alten Fotos sieht man die Menschen an diesem magischen Ort mit Blick auf den Lago Maggiore tanzen und pflanzen, diskutieren und malen. Und so macht der Schweizer Regisseur Stefan Jäger seine fiktive Hauptfigur Hanna zu einer Fotografin, die eben diese Aufnahmen macht, die das Bild des „Bergs der Wahrheit“ prägten. Ihn interessiert nicht nur das Leben der freigeistigen Kolonie, sondern auch die feministische Geschichte einer Frau, die ihren eigenen Weg sucht.

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Andere wie etwa die Frauenrechtlerin Ida Hofmann (Julia Jentsch) und die Lehrerin Lotte Hattemer (Hannah Herzsprung) sind authentische Figuren, die den Monte Verità aufbauten und zu dem machten, was er war: ein spiritueller Ort, an dem sich Intellektuelle trafen. Auch Hermann Hesse verbrachte 1907 einige Zeit dort, um seine Alkoholsucht zu kurieren. Der Film folgt dem staunenden Blick des Neuankömmlings auf diese Gesellschaft, in der sich jeder und jede frei entfalten kann und die den Hippies der 1960er Jahre als Vorbild galt.

Eigentlich also ein tolles Filmthema, aber eben auch eine Gratwanderung, die schnell in klischeehaften Aussteigerkitsch mündet. Und auch hier wird manches vereinfacht dargestellt: hier die prüde Gesellschaft, der strenge Ehemann, dort die Freigeister, die Liebe und die Natur, die die Menschen heilt.

Vor allem in der ersten Hälfte leidet der etwas langatmige Film unter seiner Erzählhaltung: Er springt hin und her zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Szenen der unglücklichen Ehe und Hannas Ankunft in der Berg-Kommune. Die Ebenen werden dabei ungelenk miteinander verwoben, es knirscht in den Scharnieren. Auf einmal schaltet sich Hannas Stimme aus dem Off ein (eigentlich ein gutes Mittel, um die Geschichte persönlicher zu machen), dann wieder verstummt sie komplett.

In der zweiten Hälfte des Films kommt einem die Hauptfigur genau wie der Rest des sehr gut besetzen Casts allerdings näher, die Erzählung wird dichter. Hanna findet dank der Aufgabe als Fotografin zu sich selbst und erlebt einen rauschhaften Sommer auf dem Berg. Dabei überträgt sich die Schönheit der Natur dank wunderbarer Aufnahmen. Doch lange währte die Harmonie nicht: Schon 1920 waren die meisten wieder abgereist, der Berg wurde verkauft. Die Utopisten suchten sich andere Orte. Auch Hanna zieht am Ende weiter, aber sie ist nicht mehr die gleiche wie zu Beginn des Films.