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Filmkritik "Last Night In Soho"

„Last Night In Soho“ : Die dunkle Seite der Swinging Sixties

Regisseur Edgar Wright schuf mit „Baby Driver“ einen mitreißenden, musikgetriebenen Kinohit. In „Last Night In Soho“ nimmt er sich der 60-er Jahre an. Das Ergebnis ist wieder äußerst gelungen.

Die junge Eloise (Thomasin McKenzie) ist nach dem Tod der Mutter in Cornwall bei ihrer Oma behütet aufgewachsen und träumt davon, in London Modedesign zu studieren. Sie lebt im Hier und Jetzt des Jahres 2019, aber ihr Zimmer gleicht einer Vintage-Höhle. Tapete, Mobiliar, der tragbarer Plattenspieler, Vinyl-Alben von Cilla Black und Petula Clark und auch die Kleider, die Eloise sich selbst schneidert, scheinen direkt aus den 1960-er Jahren teleportiert zu sein. Als sie die Zusage vom „College of Fashion“ bekommt, fährt sie mit wehenden Fahnen und kleinem Gepäck nach London ihrem Traum entgegen.

„London kann manchmal zu viel sein“, warnt die Großmutter, deren Tochter die wilde Metropole nicht überlebt hat. Tatsächlich ist Eloise das Partyleben und der soziale Stress im Studentenwohnheim schnell zu viel. Und so mietet sie sich in ein Mansarden-Zimmer bei der alten Ms. Collins (Diana Rigg) ein. Rot und blau flackert die Neonbeleuchtung des französischen Restaurants ins Zimmer hinein, und als Eloise das Bettlaken über sich zieht, findet sie sich im London der Swinging Sixties wieder.

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Im Spiegel sieht sie sich selbst, aber davor steht eine ganz andere Frau: blond, elegant, selbstbewusst und in ein rosa Chiffon-Kleid gehüllt. Mit Sandy (Anya Taylor-Joy) treibt Eloise in ihren Träumen durch die Nächte der wilden 60-er im Londoner Vergnügungsviertel Soho. Über der Straße prangt hell erleuchtet das Plakat von Sean Connery in „Thunderball“. Türsteher in feiner Livree öffnen ihr die Pforten zum mondänen Nachtclub „Café de Paris“, wo sich alle nach umdrehen.

Dort lernt sie Jack (Matt Smith) kennen, der Sandy eine Audition als Sängerin in einem Club besorgt. Herzerreißend ist die A-Capella-Version von Petula Clarks „Downtown“, die Sandy auf der Bühne präsentiert. Aber das Etablissement, das sie unter Vertrag nimmt, ist ein Revueclub, dessen Tänzerinnen als Prostituierte an ältere Herren vermittelt werden. Nacht für Nacht träumt sich Eloise in die sechziger Jahre hinein, die ihren glamourösen Schein schon bald verlieren und sich für sie und Sandy zunehmend in blanken Horror verwandeln.

Neben den lasterhaften 20-ern gehören die wilden 60-er Jahre zu den am meisten verklärten Dekaden des letzten Jahrhunderts. In Musik, Kino, Kunst und Design spiegelte sich die gesellschaftlich Aufbruchstimmung, die den grauen Mief der Nachkriegsjahre hinter sich ließ und das Leben in bunten Farben neu entdeckte. In „Last Night in Soho“ nimmt Regisseur Edgar Wright diesen Mythos aus der Frauenperspektive genauer unter die Lupe und entfacht dabei einem Bilderrausch von enormer visueller Energie.

Was als Hommage beginnt, steigert sich zunehmend in ein expressionistisches Horrorgemälde. Der koreanische Kamermann Chung-hoon Chung, der die Filme Park Chan-Wooks wie „Oldboy“ (2003), „Stoker“ (2013) oder „Die Taschendiebin“ (2016) ins Bild setzte, lässt hier kunstvoll die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit, Vergangenheit und Gegenwart, Lebenden und Toten verschwimmen. Denn die nächtlichen Träume der Mode-Design-Studentin greifen zunehmend in ihr gegenwärtiges Leben ein, fördern Wahnvorstellungen und lassen sie zur Ermittlerin werden, die den düsteren Geheimnissen Sohos auf den Grund geht.

Thomasin McKenzie („Jojo Rabbit“) als blauäugige Studentin und die unvergleichliche Anya Taylor-Joy („Damengambit“) als mondäne Sängerin, deren Illusionen zerbrechen, bilden auf der Leinwand ein kontrastreiches Idealpaar. Wie schon in seinem außergewöhnlichen Actionfilm „Babydriver“ (2017) wird Wright auch in „Last Night in Soho“ erneut zum visuellen DJ und macht die Musik zur treibenden Kraft seines Erzählkonzeptes, das die finsteren Seiten einer verklärten Ära mit cineastischem Verve erkundet.

Last Night In Soho, England 2021 – Regie: Edgar Wright, mit Thomasin McKenzi, Anya Taylor-Joy, 117 Min.