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Filmkritik "Kajillionaire" von Miranda July

Kinofilm „Kajillionaire“ : Familien-Limbo gegen das System

In „Kajillionaire“ erzählt die amerikanische Regisseurin Miranda July von einer Familie, die in rosa Schaum zu ersticken droht. Der Film ist ein giftig-buntes Märchen aus der Gegenwart des Kapitalismus.

Rosa Schaum, überall ist rosa Schaum. Er hängt träge von den Wänden und leckt an der Decke, was zwar gut aussieht, aber nicht wirklich schön ist, sondern im Gegenteil gruselig. Denn die Familie, um die es hier geht, wohnt in einer Art verlassenem Großraumbüro, dahinter produziert das Unternehmen Bubbles Inc. Bläschen, und die dringen durch alle Ritzen, massenhaft und unaufhörlich. Sie müssen regelmäßig abgeschöpft werden, sonst würden die Menschen ersticken. Und so ist es oft in diesem Film, dass etwas zunächst niedlich wirkt und putzig, dass man aber allmählich die Haken daran entdeckt, kleine giftige Widerhaken.

„Kajillionaire“ heißt der neue Film der amerikanischen Künstlerin, Regisseurin und Schriftstellerin Miranda July, und das ist ein Beispiel für jene Art von Produktionen, die das Gehirn noch lange nach dem Abspann arbeiten lassen. So viele Bilder sind darin versteckt, die ihre Wirkung erst allmählich entfalten. Irgendwann geht einem dann auf, dass der rosa Schaum ein Symbol für den Kapitalismus sein könnte, der Träume produziert, aber keine Erfüllung zulässt. Und weil immer weiter produziert wird, wird man zum Getriebenen seiner Wünsche. Die Künstlerin Jenny Holzer brachte in den 1980er Jahren eine Leuchtschrift am Times Square in New York an: „Protect me from what I want.“

Miranda July gilt ja als Philosophin des Unscheinbaren, als Poetin der Beklommenheit, deren Kerngeschäft das Besingen von Marotten, Schrullen und Spleens ist. In „Kajillionaire“ dreht die 46-Jährige die Schraube weiter. Das ist eine Sozialstudie, die man als solche erstmal gar nicht wahrnimmt, weil die Handlung nämlich in L.A. spielt, und da lässt die Sonne alles bunt erscheinen, hell und klar. Aber das ist die bloß Peripherie von Los Angeles: Tankstellen, Malls und Lagerhäuser. Die Familie Dyne lebt hier von Trickbetrügereien aller Art. Mutter Theresa (Debra Winger) und Vater Robert (Richard Jenkins) haben ihre Tochter mit dem schrägen Namen Old Dolio zu einer Handlangerin der Kleinkriminalität abgerichtet. Und so windet sie sich mit schlangenartigen Limbo-Bewegungen an Überwachungskameras vorbei und stiehlt Päckchen aus Postfächern in der Hoffnung, dass Wertvolles darin sein könnte.

Evan Rachel Wood spielt dieses Mädchen mit Trauerweiden-Frisur. Dass es emotional versehrt ist, wird einem nicht gleich klar, dafür sind seine Bewegungen zu artistisch. Aber die Familie ist auf ihre eigene Art unglücklich, genau genommen ist das nämlich gar keine Familie, sondern eine Zweckgemeinschaft, die Geschäfte macht. Diese drei Menschen leben prekär, und jeden Tag beherrscht sie der Gedanke, wie man an Geld kommt. Diese Frage hat wie rosa Schaum alle Zuneigung erstickt.

Es gibt eine tieftraurige Szene, eine der traurigsten der allerjüngsten Kinogeschichte. Die Familie will einen alten Mann um sein Scheckbuch erleichtern. Und der Mann liegt einsam in seinem Bett im Sterben. Er bittet die Eindringlinge, sich wie eine echte Familie zu verhalten, mit Besteck-Geklapper und Schmatzgeräuschen, damit er sich geborgen fühlt. Und dann spielen sie ihm etwas vor, aber auf einmal merken sie, dass sie sich selbst etwas vormachen damit, und die Stille, die nun einsetzt, hält man kaum aus.

Wenn Old Dolio sich aus dieser bedrohlichen Stille wegträumen will, wählt sie sich in die Warteschleife einer Auskunft ein und hört die Musik, die dort gespielt wird. Und je weniger Menschen zum Reden frei sind, desto länger spielt die Musik, sie spielt ewig. Immer wieder gibt es in diesem Film kleine Erdbeben, und man ist sich nie sicher, ob sie Bedrohung bedeuten oder Erlösung verheißen. Der Film wirkt über weite Strecken bedrückend, aber Miranda July lüftet ihn schließlich gut durch und zieht das Tempo an.

Die Familie lernt nämlich Melanie (Gina Rodriguez) kennen, mit der sie sich zusammentut. Sie fügt sich zunächst ein als eine Art zweite Tochter, doch rasch durchschaut sie, was hier los ist und falsch läuft. Sie ermöglicht es Old Dolio, die bezeichnenderweise nach einem Obdachlosen benannt wurde, der im Lotto gewann, sich von ihrer Familie zu lösen. Melanie ist vielleicht die tollste Filmfigur dieses eigenartigen Kinojahres. Sie stößt die Fenster auf und eröffnet den Blick auf eine Zukunft. Melanie ist die Vertreterin der Zuschauer in diesem Film, sie tut all das, was man selbst gern tun würde, stünde man vor diesen Figuren: umarmen, bisschen seufzen, Menschlichkeit herstellen.

„Kajillionaire“ ist ein Bilderbuch, eine kandierte Gruselgeschichte aus der Gegenwart. Bisher fragte man sich bei den Filmen Miranda Julys, bei „Ich und Du und alle, die wir kennen“ (2005) und „The Future“ (2011), ob diese Arbeiten eigentlich Teil eines Phänomens sind oder dessen Beschreibung. Nun weiß man: Julys Geschichten sind Analysen, die indes so stark fiktionalisiert und überzeichnet sind, dass sie die Realität übersteigen. Und das ist das märchenhafte Element in ihrem Werk, das auch den Schluss von „Kajillionaire“ zum Ereignis macht.

Aus dem Hamsterrad der vermeintlichen Bedürfnisse führt nur ein Weg hinaus, lehrt dieser Film: Liebe, love, l’amour. Erst die Befreiung von ökonomischem Streben lässt den Menschen das volle Spektrum an Gefühlen spüren. Das Ende findet an der Kasse eines Supermarktes statt. Die Zahl 525 spielt dabei eine wichtige Rolle. Und wer diesen Film gesehen hat, dürfte demnächst in besonders romantischen und intensiven Situationen ganz automatisch dieses denken: 525!

Kajillionaire, USA 2020 - Regie Miranda July, mit Evan Rachel Wood, Gina Rodriguez, Richard Jenkins, 104 Min.