Filmkritik "Jojo Rabbit"

„Jojo Rabbit“ im Kino : Der eingebildete Hitler

In der brillanten und für sechs Oscars nominierten Farce „Jojo Rabbit“ führt ein Junge Gespräche mit einem imaginierten Adolf Hitler. Als die Mutter des Jungen eine Jüdin versteckt, gerät das Kind in ein Dilemma.

Für den zehnjährigen Jojo (Roman Griffin Davis) ist es der wichtigste Tag seines kurzen Lebens. Denn heute soll er endlich in der Hitlerjugend aufgenommen werden. Im Ausbildungslager wird er all die tollen Sachen lernen: Marschieren, Nahkampf, durch den Schlamm robben, Handgranaten werfen.

Jojo ist aufgeregt. Die neue Uniform steht ihm gut, aber er weiß, dass darin nicht der harte Kerl steckt, der er gerne wäre. Die Sache mit dem Schuhe-Zubinden will zum Beispiel noch nicht so recht klappen. Aber immer wenn es drauf ankommt, steht ihm sein eingebildeter Freund zur Seite. „Du bist der treueste kleine Nazi, den ich mir vorstellen kann“, tröstet ihn der imaginäre Adolf Hitler und übt mit dem Knaben den Führergruß so lange, bis die notwendige, entschlossene Intonation erreicht ist.

Trotzdem läuft im HJ-Lager alles schief. Als die Ausbilder Jojo ein Kaninchen in den Arm legen und verlangen, dass er ihm den Hals umdreht, läuft der Junge davon und wird zum Gespött der Rotte. Die erste Handgranate, die Jojo voller Wut in den Wald schleudert, prallt an einem Baum ab und macht ihn erst einmal zum Invaliden, der das Haus hüten muss und nicht in den Krieg ziehen darf. „Der Esstisch ist die Schweiz“, sagt die Mutter (Scarlett Johannson), wenn sie genug hat vom NS-Gebrabbel ihres indoktrinierten Sohnes. Mit Geduld und Humor versucht sie ihn auf den Pfad der Liebe zum Leben zu bringen. Dass sie sich im Widerstand engagiert, darf Jojo nicht wissen. Auch nicht, wen sie in der Dachkammer versteckt hat.

„Bist du ein Geist?“, fragt Jojo erschrocken, als die 16-jährige Elsa (Thomasin McKenzie) plötzlich vor ihm steht. „Ich bin etwas viel Schlimmeres“ sagt sie, „Ich bin ein Jude“ und reißt dem Jungen das geliebte Fahrtenmesser aus der Hand. Über Juden hat Jojo schon viel gehört. Zum Beispiel, dass sie unsichtbare Hörner unter den Haaren tragen, Rabbis Penisspitzen als Ohrstöpsel benutzen und die Judenkönigin an geheimem Ort ihre Eier ablegt. Natürlich hat er Angst vor ihr. Aber schon bald weicht die Furcht einer Neugier und einem unbekannt wohligen Gefühl in der Bauchgegend.

Mit seiner Farce „Jojo Rabbit“ reiht sich Taika Waititi in die Riege der Regisseure ein, die einen komödiantischen Blick auf das Dritte Reich gewagt haben. Klassiker wie „Der große Diktator“ (1940) von Charlie Chaplin, „Sein oder Nichtsein“ (1942) von Ernst Lubitsch und „Producers“ (1967) von Mel Brooks standen unübersehbar Pate. Allerdings wird hier das satirische Rezept durch den naiven Blick eines Kindes erweitert und punktuell immer wieder aus dem Komödien-Terrain herausgeführt. Hin zu einer zarten Liebesgeschichte, aber auch zu tragischen Wendepunkten, die ungeschönt auf die nationalsozialistischen Gräueltaten verweisen.

Ein empfindlicher Balanceakt, den Waititi – wie jeder gute Artist – scheinbar vollkommen unangestrengt ausführt. Der neuseeländische Regisseur kann von der Vampir-WG-Komödie „5 Zimmer Küche Sarg“ (2014) bis zur kraftvoll durchironisierten Marvel-Verfilmung „Thor: Ragnarok“ (2017) auf ein illustres Werk zurückblicken. Als Sohn einer jüdischen Mutter und eines Maori-Vaters hat Waititi die Adaption von Christine Leunens‘ Romanvorlage über acht Jahre sichtbar als Herzensprojekt vorangetrieben. Er selbst spielt den eingebildeten Hitler als pointierte Slapstickfigur, die von einer Sekunde zur nächsten vom kumpelhaften Freund zum despotischem Hetzredner wechseln kann. Als erstarkender Gegenpol erwächst Jojos Freundschaft zu Elsa, die dessen antisemitischen Ressentiments mit ironischem Geschick dekonstruiert. Wie sich der indoktrinierte Hass des Jungen in eine zarte Liebe verwandelt, erzählt „Jojo Rabbit“ nicht auf sentimentale, sondern auf eine intelligent verspielte Weise.

Zur Botschaft passt die sichtbare Liebe zum Filmemachen, mit der hier jede Einstellung durchzogen ist. Das fängt bei der Besetzung an: Der junge Roman Griffin Davis lässt als kleiner Held in Not die Herzen schmelzen, Scarlett Johansson ist eine der markantesten Mutterfiguren der jüngeren Filmgeschichte und Sam Rockwell spielt den ausgemusterten Wehrmachtsoffizier mit wunderbar lakonischem Humor. Hinzu kommt die liebevolle Ausstattung, mit der das Setting einer deutschen Kleinstadt im Zweiten Weltkrieg immer wieder ins Surreale transformiert wird.

„Jojo Rabbit“ ist eine echte Perle in diesem noch jungen Kinojahr und hat sich seine sechs Oscarnominierungen verdient.

Jojo Rabbit, Neuseeland, USA, Tschechien 2019 — Regie: Taika Waititi, mit Roman Griffin Davis, Thomasin McKenzie, Scarlett Johansson, Taika Waititi, Sam Rockwell, Rebel Wilson, 108 Min.