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Filmkritik "Intrige" von Roman Polanski

Nach einer wahren Begebenheit : Krimi über die Dreyfus-Affäre

„Intrige“ von Roman Polanski ist ein packendes historisches Drama.

(dpa) „J‘accuse“, ich klage an – so heißt der neue Film von Roman Polanski im Original. Obwohl der Oscarpreisträger darin von einem politischen Skandal erzählt, der das Land vor mehr als 100 Jahren erschütterte, könnte der Titel auch als persönliche Abrechnung des Regisseurs verstanden werden. Immerhin holten Polanski im Zuge der #MeToo-Bewegung seine eigene Vergangenheit und ein Missbrauchsfall aus dem Jahr 1977 wieder ein. In seinem aktuellen Werk – in der deutschen Version heißt es „Intrige“ – thematisiert der 86-Jährige nun eine verlogene Gesellschaft, der die Wahrheit nicht so wichtig ist wie Vorverurteilungen und der Erhalt von Macht.

„Intrige“ spielt in Paris Ende des 20. Jahrhunderts. 1894 wird Alfred Dreyfus (Louis Garrel) von einem Militärgericht wegen Geheimnisverrats ans Deutsche Kaiserreich verurteilt und wenig später aus der Armee entlassen. Dreyfus beteuert zwar seine Unschuld, doch er wird auf eine einsame Insel verbannt. Das Volk jubelt und die Militärelite atmet erleichtert auf. „Die Römer gaben den Löwen Christen, wir geben ihnen Juden“, sagt einer.

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Major Georges Picquart (Jean Dujardin aus „The Artist“) wird danach sogar befördert. Er hatte sich aus Sicht der Regierung in der Dreyfus-Affäre bewährt und wird im Auslandsnachrichtendienst Abteilungsleiter. Dort fallen ihm allerdings gravierende Missstände auf. Bei seinen Recherchen zum Fall Dreyfus stößt er auf ein Geflecht aus Lügen und Intrigen. Ein Jude ein Sündenbock, das passte gut in die antisemitische Stimmung.

Diesen Stoff inszeniert Regisseur Polanski als packendes Drama. Denn die Aufarbeitung des Dreyfus-Falles ist kompliziert und riskant, auch weil Picquart auf viel Gegenwehr trifft. Vor allem aber wird so erst das juristische und politische Ausmaß der Affäre deutlich, die die Regierung in eine Krise stürzen wird.

„J‘accuse“ steht schließlich auf der Titelseite einer großen Tageszeitung – und genau so nennt auch Polanski seinen Film. Darin behandelt er zwar ausschließlich die Dreyfus-Affäre. Dennoch fragt man sich, ob der Regisseur damit nicht auch eine persönliche Geschichte erzählen will. 1977 hatte er Sex mit einer 13-Jährigen und floh vor der Urteilsverkündung aus den USA. Danach schuf er Kinoklassiker wie das mit drei Oscars ausgezeichnete Holocaust-Drama „Der Pianist“. Das Opfer selbst setzt sich für die Einstellung des Verfahrens gegen Polanski ein. Doch die US-Justiz hält daran fest und im Zuge der #MeToo-Bewegung wurde der Regisseur 2018 aus der Oscarakademie ausgeschlossen.

Mit „Intrige“ beweist Polanski nun erneut, dass er zu den großen Filmemachern gehört und auch mit 86 Jahren nichts von seiner Erzählkunst und seine Filme nichts von ihrer visuellen Kraft verloren haben: Die Ausstattung ist detailreich wie opulent und die Bilder so majestätisch, dass sie auf der Kinoleinwand bestens zur Geltung kommen.

„Intrige“ offenbart ein von innen verrottetes System. Es geht um Vertuschung, Verdrehung von Fakten, Hass und Verleumdung von Medien. Polanski zeigt was passiert, wenn aus Gerüchten Fakten werden und man sich die Gegenseite gar nicht anhört, weil man von seiner Sicht auf die Dinge fest überzeugt ist.

Intrige, Frankreich, Italien 2019 – Regie: Roman Polanski, mit: Jean Dujardin, Louis Garrel, Emmanuelle Seigner, Grégory Gadebois, 132 Min.

(dpa)