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Filmkritik "In Liebe lassen" mit Catehrine Deneuve

„In Liebe lassen“ : Haben Sie keine Angst vor diesem Film

Die wichtigste Rolle spielt ein echter Onkologe: „In Liebe lassen“ erzählt vom bewegenden Abschied eines Krebspatienten. Catherine Deneuve ist in der Rolle der Mutter zu erleben.

Am Schluss des Treffens, bei dem die Pflegekräfte ihr Herz ausgeschüttet haben, packt der Arzt die Gitarre aus und stimmt ein Lied an. Solche Rituale der Erheiterung sind wichtig für die Frauen und Männer, die in der Onkologie arbeiten und tagtäglich mit dem Tod konfrontiert sind. Die Supervision-Sitzungen des Teams stehen am Anfang von jedem der vier Kapitel in Emmanuelle Bercots fulminanten Film „In Liebe lassen“, der sich mit offenen Augen  dem Leben und Sterben auf einer Krebsstation widmet.

Benjamin (Benoît Magimel) ist gerade einmal 39 Jahre alt, als er erfährt, dass er an Bauchspeicheldrüsenkrebs in einem unheilbaren Stadium erkrankt ist. Auf Drängen seiner Mutter Crystal (Catherine Deneuve) nimmt er Kontakt zu dem renommierten Onkologen Dr. Eddé (Gabriel Sara) auf. Der Arzt ist darauf spezialisiert, Patienten mit einem unheilbaren Krebsleiden zu begleiten. „Wir haben einen schwierigen Weg vor uns. Unter uns darf es keine Lügen geben. Mein Prinzip ist die Wahrheit“, sagt der erfahrene Mediziner gleich zu Beginn zu Mutter und Sohn. Aber die Wahrheit ist für den jungen Patienten genauso schwer zu ertragen wie für Crystal, die nicht fassen kann, dass der Sohn vor ihr in den Tod gehen wird.

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Nicht nur um die medizinische Behandlung, sondern vor allem um die seelische Betreuung geht es auf der Station. Dazu gehört ein Paar, das – umringt von Patienten am Chemo-Tropf – Tango tanzt, genauso wie der eindringliche Rat in der verbleibenden Zeit den „Schreibtisch des Lebens“ aufzuräumen. Der uneheliche Sohn, dessen Vaterschaft der damals 19-jährige Benjamnin auf Drängen seiner Mutter nie anerkannt hat, lässt verdrängte Schuldgefühle und Konflikte zwischen Crystal und ihrem Sohn aufbrechen. Verleugnung, Wut, Depression, Verhandlung und Akzeptanz – so lauten die fünf Phasen, die unheilbar Erkrankte in der Regel durchlaufen.

„In Liebe lassen“ zeigt auf sehr empathische, aber keineswegs sentimentale Weise, wie ein Mensch diesen Weg geht. Natürlich sollte man auf seinem Weg ins Kino hier nicht nur Impfnachweis und FFP2-Maske, sondern auch eine Packung Taschentücher einstecken. Aber bei aller Emotionalität zielt der Film vor allem auf mitfühlende Erkenntnis in einem Gebiet, dem unsere Gesellschaft gerne ausweicht.

Der Schlüssel für das Gelingen liegt hier maßgeblich in dem Darsteller Dr. Gabriel Sara, der auch im wirklichen Leben Onkologe ist und eine Krebsstation in New York leitet. Bruchlos eingebettet in die Spielfilmhandlung stellt der amerikanisch-libanesische Arzt hier sein Konzept vor. Wem nur noch wenig Zeit zu leben bleibt, der muss sich auf das Wesentliche konzentrieren. Wie der erfahrene Mediziner gemeinsam mit seinem Patienten zum Lebenskern vordringt, ist – bis auf ein, zwei Drehbuchausrutscher – ein ebenso berührender wie faszinierender Prozess.

Die große Stärke von Bercots Film ist, dass hier alle Menschen, die an einem solchen Prozess beteiligt sind, Beachtung geschenkt wird: dem Erkrankten, den Angehörigen, dem Arzt und dem Pflegepersonal. Trotz seiner authentischen Elemente sollte „In Liebe lassen“ keineswegs als Dokumentarfilm missverstanden werden. Mit der Realität im französischen Gesundheitssystem hat der Film sicherlich wenig zu tun, aber er zeigt, was möglich und nötig ist, um sterbenskranke Menschen in Frieden gehen zu lassen.

Deshalb ein aufrichtiger Rat zum Schluss: Haben Sie keine Angst vor diesem Film. Schauen Sie ihn sich an. Er ist eine echte Bereicherung.

In Liebe lassen, Frankreich, Belgien 2021 – Regie: Emmanuelle Bercot, mit Catherine Deneuve, Benoît Magimel, Gabriel Sara, Cécile de France, 124 Min.