1. Kultur
  2. Film

Filmkritik "Il Traditore"

Mafiafilm : Als Kronzeuge im Mafia-Prozess

„Il Traditore“ schildert reale Ereignisse im Zusammenhang mit dem Schlag gegen die Cosa Nostra 1986. Damals leitete Untersuchungsrichter Giovanni Falcone den sogenannten Maxi-Prozess ein.

„Ich bin ein Ehrenmann“, das stellt Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favino) unmissverständlich fest. Solch eine Aussage ist für einen Vertreter der sizilianischen Mafia keine ungewöhnliche Selbsteinschätzung. Denn obwohl die Mitglieder der Cosa Nostra Schutzgelder erpressen, mit Drogen handeln, Menschen ermorden und anderen das Leben zur Hölle machen, begreifen sie sich als Ehrenmänner, die dem Moral- und Treuekodex ihrer Organisation verpflichtet sind. Aber als Buscetta den Titel für sich in Anspruch nimmt, regt sich massiver Protest aus den eigenen Reihen. Denn Buscetta sitzt als Kronzeuge gegen die Mafia im Saal, während die weitläufige, kriminelle Verwandtschaft in vergitterten Käfigen vor Gericht steht.

Man schreibt das Jahr 1986. Der Untersuchungsrichter Giovanni Falcone hat den sogenannten Maxi-Prozess gegen die sizilianische Cosa Nostra eingeleitet, an dessen Ende sechs Jahre später 344 Angeklagte zu insgesamt 2665 Jahren Haft verurteilt werden. Die meisten dieser Urteile wurden damals aufgrund der detaillierten Aussagen von Tommaso Buscetta gefällt, dem der italienische Regie-Alt-Meister Marco Bellocchio nun mit „Il Traditore“ ein Mafia-Epos der etwas anderen Art widmet.

Über 30 Jahre hinweg folgt der Film dem Überläufer, der in der Hierarchie der Organisation weit nach oben klettert und vor einem herannahenden Mafiakrieg 1981 nach Brasilien flüchtet. Dort wird er zwei Jahre später festgenommen, bricht aber auch unter Folter sein kriminelles Schweigegelübde nicht. Erst als er nach Italien ausgeliefert wird, kann ihn Falcone (Fausto Russi Alesi) zur Kooperation bewegen.

In drei Akten erzählt „Il Traditore“ entlang der realen Ereignisse vom Aufstieg und Fall Buscettas, von den grotesken Prozessen im Hochsicherheitsbunker, die wie eine Doku-Soap von Fellini wirken, und schließlich vom Exil in den USA, wo der Überläufer mithilfe des Zeugenschutzprogrammes ein neues Leben führt und die Angst vor einem möglichen Racheakt ein ständiger Begleiter bleibt.

„Il Traditore“ zeichnet den Überläufer als schillernd widersprüchliche Persönlichkeit. Beim Verhör beschwört Buscetta die Cosa Nostra, deren Wertekodex aufgegeben worden sei. „Die Chroniken sind voll von grausamen Verbrechen. Die alte, noble Mafia ist nichts als ein Mythos“, hält Falcone ihm entgegen.

Bellocchio erspart dem Publikum eine moralische Katharsis des Kronzeugen, der nicht vom Saulus zum Paulus mutiert, sondern zwischen Courage und Selbstbetrug einen Notausgang aus der eigenen kriminellen Existenz sucht. Sein Film zollt der Figur des Verräters, dessen Aussagen weitere Verbrechen und Morde verhindert haben, den notwendigen Respekt, ohne ihn von der eigenen Schuld freizusprechen.

Il Traditore, Italien, Frankreich, BRD, Brasilien 2019 - Regie: Marco Bellocchio, mit Pierfrancesco Favino, Maria Fernanda Candido, Luigi Lo Cascio, Fausto Russo Alesi, Nicola Calì, 153 Min.